12 von 12 im August 2026

Das 12 von 12 im August kommt mal wieder aus den Bergen, hurra! Gerade (15:30 Uhr) tippe ich bereits ein wenig, weil wir ein Gewitter haben. Ich weiß nicht, ob nicht gleich wieder der Strom ausfällt oder ob sich das Telefonnetz einschließlich Internet für ein paar Stunden verabschieden wird. Fangen wir also schon mal an. (Spoiler: Es ist alles ruhig geblieben heute!)

Wir sind seit Samstag wieder hier oben und haben wie jedes Jahr einen jungen Mann zu Gast. Wie ich letztes Jahr schon anmerkte, ist er zwar erwachsen, aber nicht sozial ausgereift. Er hat sich testen lassen und wir wissen nun, dass all seine Eigenarten, einschließlich seiner intellektuellen Genialität und seines außerordentlichen Gedächtnisses, in das Spektrum des Autismus gehören. Ich würde noch ADHS hinzufügen wollen, womit ich mir all das Herumgerenne und Gepfeife, Getrommel und Gesinge einschließlich eines nimmermüden Redeflusses erkläre. Es ist für ihn und uns alle erleichternd zu wissen, dass er nicht “verrückt”, sondern einfach nur anders ist und dass es viele andere gibt, die ähnlich ticken wie er. „Neurodivergent” ist wohl das aktuelle deutsche Wort dafür.

Ich bin aber auch „anders“ mit meiner Hochsensibilität und dem, was jetzt (ich habe das gerade erst entdeckt) „parentizifiert“ heißt. Meine Aufmerksamkeits-Antennen sind gerade sehr ausgefahren. Ich spüre, was er spürt. Seine Nervosität steckt mich an. Und so versuche ich, uns allen Ruhe zu geben. Auch mir. Einatmen. Ausatmen. Alles gut. Anstrengend ist es trotzdem.

Zuerst gab es Frühstück, ich mache mir selbst Lupinenkaffee (Espresso-Röstung) mit Hafermilch, dazu Haferflocken mit Joghurt und frischem Pfirsich.

Dann erst der Blick aus dem Fenster, und mit dem letzten Rest Kaffee bin ich einen klitzekleinen Moment alleine.

Monsieur ist unausgelastet und fährt daher zur Mülldeponie, um Müll zu entsorgen, und kauft ein paar Dinge ein. Zum Beispiel holt er das Bauernbrot ab, das von einer Bäckerei jenseits des Col de la Cayolle kommt und hier nur von etwa Mai bis Oktober verfügbar ist, da der Col im Winter wegen Schnee gesperrt ist. Man muss es spätestens dienstags bestellen. Es wird im Juli und August mittwochs und sonst samstags in die Kooperative geliefert. Es ist eine logistische Herausforderung zu wissen, was es hier wann und wo gibt. Auf der anderen Seite des Cols gab es aufgrund von Gewitter und sintflutartigem Regen jedoch einen Erdrutsch. Die Straße ist für eine Woche wegen Aufräumarbeiten gesperrt. Die Bäckerei liegt allerdings kurz oberhalb des Erdrutsches und kann liefern. Das habe ich erfragt.

Ich bat Monsieur auch darum, Geschirrspültabs zu erwerben, denn ja, hier oben haben wir einen Geschirrspüler, was für ein Luxus. Auch wenn ich nun alleine fürs Geschirr zuständig bin. (In Cannes ist es Monsieurs Aufgabe) Leider hat er sie mit Waschmaschinentabs verwechselt. Ich habe noch bio Spülblätter, aber die machen ehrlich gesagt nicht so sauber, wie ich es gerne hätte, trotz doppelter Dosierung.

Ich gebe einen Text frei, mache ein paar Banküberweisungen per Internet, bestelle etwas und schreibe zwei Reklamationen (weder die Barfußschuhe noch zwei Kopfkissenbezüge sind je irgendwo angekommen).

Später bereite ich das Mittagessen zu. Man hat uns gestern eine riesige Zucchini geschenkt, die ich füllen möchte. Monsieur hat außerdem eine vorbereitete Fleischmischung vom Metzger mitgebracht. Normalerweise kommt bei uns zusätzlich etwas Reis in die Mischung, aber der Reis ist einem Mottenvolk zum Opfer gefallen, sodass ich kurzerhand Buchweizen koche. Ich liebe Buchweizen, bereite ihn aber viel zu selten zu. Er passt übrigens prima in die Füllung und ist als Beilage mit Tomatensoße perfekt.

Ich wache aus der Sieste auf, weil ich trotz Ohrstöpseln Lärm höre: Ein Gewitter ist im Gange, begleitet von starkem Regen. Der noch offene Sonnenschirm wiegt sich im Wind. Ich renne auf die Terrasse und falte ihn wenigstens zusammen. Diese eine Minute draußen genügt, um mich komplett zu durchnässen. Hier: Regen vor dem anderen Fenster.

Ich mache mir trotzdem einen (kleinen) Eiskaffee.

Es regnet nur etwa eine Stunde lang. Schon ist der Himmel wieder blau.

Ich reiße sämtliche Fenster auf, in der Hoffnung, dass die aufdringlichen Fliegen den Weg nach draußen finden, bevor ich sie alle erschlage. Ich hoffe, es spricht sich in Fliegenkreisen herum, dass ich unerbittlich bin.

Eigentlich lese ich einen französischen Text am PC und arbeite daran.

Heute Abend soll hier die Sonnenfinsternis halbwegs zu sehen sein. Ich habe extra vor Wochen schon Sonnenbrillen dafür erworben, die ich, ich habe alles durchgesucht, vermutlich in Cannes vergessen habe. Ich hoffe mal, es ist nachher bewölkt, damit ich mich nicht grämen muss, es verpasst zu haben. Ich erinnere mich an die letzte Sonnenfinsternis, die ich damals in Göttingen erlebt habe. Gesehen habe ich so gut wie nichts, nur kalt, dunkel und windig wurde es am helllichten Tag. Daran erinnere ich mich.

Wie Sie sehen, sehen Sie nichts.

Nach dem Abendessen liefen wir zu einer Wiese mit freiem Blick. Die Sonne war jedoch bereits hinter den Bergen verschwunden und wir konnten weder das Dunkelwerden beobachten noch Veränderungen (Wind etc.) wahrnehmen. Es war also gar nicht schlimm, dass ich die Brillen vergessen hatte. Wir heben sie uns für die nächste Sonnenfinsternis auf, 2081 oder wann auch immer.

Gute Nacht!

Danke fürs Lesen und Anschauen. Die anderen 12 von 12er wie immer bei Caro!

ps: Ich habe gerade erfahren, dass Monsieurs Tochter mit ihrem Mann und Freunden, die sich derzeit im alten Schulhaus aufhalten, kurzfristig „schnell” auf den 2500 Meter hohen Cime de l’Aspre gelaufen sind. Dort haben sie wohl eine beeindruckende Sonnenfinsternis mit 95 % Bedeckung gesehen. Ich bin etwas neidisch.

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Lähmende Hitze und dies und das im August

„Lähmende Hitze“ – so beschrieb Ildikó von Kürthy kürzlich auf Instagram ihren misslungenen Urlaub auf Mallorca. Es war ihr zu heiß, um etwas zu unternehmen, und sie fühlte sich erschöpft und gelähmt.

Ja, diese Art von Sommer haben wir jedes Jahr mindestens zwei Monate lang. Das wissen Sie schon, und ja, ich weiß, bei Ihnen ist es auch heiß. Aber die Luftfeuchtigkeit ist vermutlich nicht ganz so hoch. Das macht nochmal was, finde ich, nämlich noch mehr Schlappheit. Ich schlafe bei der Sieste einfach so ein, muss nicht einmal meine sieben Minuten Meditation zu Ende hören, schon bin ich weg. Abends schlafe ich jetzt mit einer Art eisgekühlten Bettflasche. Ich habe schon alles Mögliche ausprobiert: lauwarm duschen und nicht abtrocknen, kalte Fußbäder – aber das kalte Wasser ist auch warm – und ein Kühlaggregat mit ins Bett nehmen. Das war aber zu steif, daher habe ich mir eines dieser Kühlkissen gekauft, die man in der Tiefkühlschublade aufbewahrt und die man in der Regel bei Verstauchungen oder blauen Flecken auflegt. Ich lege es unter meine Waden und finde es genial! Es kühlt den Körper runter und macht keinen nervigen Lärm wie der Ventilator, dessen Luftzug mich auch schnell stört. Eine Tüte Tiefkühlerbsen würde es vielleicht auch tun und ist vermutlich weniger teuer. Aber das Kühlkissen ist auch erschwinglich. Leider hält es nicht die ganze Nacht, aber es hilft gut beim Einschlafen. Wenn dann mal nicht vier junge Frauen um fünf Uhr nach Hause kommen und bis um sechs laut und intensiv quatschen oder ein Betrunkener mitten in der Nacht laut über die Lautsprecherfunktion telefoniert, sodass man auch die Antworten mitbekommt, dann haben wir hin und wieder fast gute Nächte. Also ich zumindest – Monsieur hat mit der Hitze und dem Schlafen deutlich weniger Probleme.

Ich gehe jetzt auch wieder früh an den Strand. Nicht um sechs, aber um halb acht ist es auch noch gut, auch wenn das Meer 28 Grad warm ist. Es ist nicht wirklich erfrischend. Ich ziehe zusätzlich eine leichte Schwimmkombi an, um gegen Quallen gewappnet zu sein. Es gibt welche, aber ich habe noch keine gesehen. Das liegt auch daran, dass das Meer aufgewühlt und schmuddelig ist und nicht so klar, dass man etwas sehen könnte. Aber ich riskiere dieses Jahr nichts.

Gestern Morgen machten zwei Frauen Fotos – eine fotografierte, die andere posierte. Eine langbeinige Schönheit im knappen Badeanzug machte die klassischen, als sexy geltenden Posen mit eher unfreundlichem Blick (was vermutlich auch sexy ist), tauchte am Ende kopfüber ins Wasser und drehte sich lasziv in den kleinen, sanften Wellen hin und her. Die Damen sprachen Russisch oder vielleicht auch Ukrainisch miteinander. Die bereits am Strand anwesenden Herren (überwiegend älter) machten zwar despektierliche Bemerkungen, mussten dann aber doch ins Wasser, um sich wieder runterzukühlen, soweit es im lauwarmen Meer möglich war.

Ansonsten lümmeln frühmorgens Gruppen rundlicher, jugendlicher Möwen am Strand herum, die sich von den wenigen Menschen nicht einschüchtern lassen. Erst später, wenn die Urlauber mit Sonnenschirmen, Stühlen und Tiefkühltaschen anrauschen, sind sie plötzlich wie vom Erdboden verschwunden..

Das Schwimmen im Meer kühlt zwar ein bisschen ab, aber die Wirkung hält, genau wie die des Kühlkissens, nicht sehr lange an. Aber immerhin habe ich so das Gefühl, auch etwas vom Sommerurlaub am Meer profitiert zu haben und nicht nur den ganzen Tag in der 31 Grad warmen und abgedunkelten Wohnung zu verschmachten. Monsieur und ich sind uns bei der Thematik „Fenster auf, Fenster zu, also Lüften” übrigens auch ganz und gar uneins. Lüften ist ein urdeutsches Thema!

Zweimal war ich im Kino – zwei Stunden in einem klimatisierten Raum unterhalten zu werden, ist ganz okay.

„De la comédie française“ ist ein sehr witziger, verrückter und absurd-komischer Film übers Theater. Wir verbringen die letzten Stunden mit einigen Schauspielerinnen und Schauspielern bei der Generalprobe und hinter den Kulissen der Comédie Française kurz vor der Premiere von „Macbeth“, bei der die Kulturministerin anwesend sein wird. Das erzeugt zusätzlichen Druck bei allen Beteiligten.

Nicht witzig, aber sehenswert und berührend ist “Etwas ganz Besonderes”, der neue Film von Eva Trobisch. In der französischen Version heißt er “Home Stories”. Er spielt in der thüringischen Provinz in der Familie von Lea, die überraschend für eine Castingshow à la „The Voice“ ausgewählt wurde und sich dort vorstellen soll. Als man sie fragt, was das Besondere an ihr sei, kann sie keine Antwort geben.

Man liest irgendwo, es sei eine „Coming of Age-Geschichte“ dreier Generationen. Ich finde, es ist eine Ost-Familiengeschichte mit all den Brüchen, die die Wiedervereinigung verursacht hat. Es gibt Verletzungen und Kränkungen, Missverständnisse und Geheimnisse und die Kommunikation untereinander ist schwierig.

Ich habe seinerzeit den ersten Film „Alles ist gut” von Eva Trobisch gesehen, der mich sehr genervt hat, weil gar nichts gut war und die Hauptdarstellerin nicht darüber kommunizieren konnte. Daran musste ich denken. Nicht gelingende Kommunikation kann Eva Trobisch gut. Ich mochte die Geschichte von Lea und ihrer Familie, die alltäglich beginnt und offen endet, und ich finde die SchauspielerInnen überzeugend.

Seitdem schwirrt mir auch einer der Songs des Films eindringlich im Kopf herum: Fuffifufzich Ciao Amore mio … komm komm komm komm komm her …

Das wäre auch ein schöner Film für unser ostdeutsches Filmfestival, das auch dieses Jahr im September stattfinden wird. Aber wir haben dieses Jahr etwas anderes “Ganz Besonderes” vor: Wir werden vier Filme von Andreas Dresen zeigen und er wird sogar persönlich anwesend sein! Toll, oder? Vielleicht möchten Sie sich das Wochenende am 26./27. September ja schon einmal vormerken?

Etwas ganz anderes, das nicht so richtig hierhin passt, aber vermutlich passt es nie: Trägt irgendjemand von Ihnen Barfußschuhe? Ich habe es so satt, dass mir die Füße in normalen Schuhen wehtun (wegen Hallux valgus) und ich die Schuhe immer eine Nummer größer wählen muss. Jetzt im Sommer trage ich Birkenstock-Gizeh-Modelle, die in der Zwischenzeit ja auch im schicken Frankreich durchaus modisch akzeptiert sind. Die Schuhe sind okay, aber irgendwie ist mir die Sohle zu steif. Und mir graut davor, wenn ich wieder in geschlossene Schuhe muss. Ich würde Barfußschuhe gern mal ausprobieren, aber hier in Cannes gibt es so etwas natürlich nicht und auch beim Versandhandel ist die Auswahl sehr gering. Das dort bestellte Paar kommt aus irgendwelchen Gründen nicht an – vermutlich ist dem Fahrer des Lieferwagens auch viel zu heiß und er ist erschöpft. Vor allem weiß ich aber nicht, ob Barfußschuhe bei Knieproblemen und Laufen auf Asphalt wirklich geeignet sind. Haben Sie Erfahrungen? Ich würde gerne welche hören!

So viel für heute. Klebrig verschwitzte Grüße! Ich freue mich schon auf mein nächtliches Kühlkissen!

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Bergdorfsommer: Sainte Anne und Co.

Wir sind wieder in Cannes – und der Schock ist jedes Mal groß: Es ist laut, die Bässe der Elektroplages wummern, es ist heiß und die Luft ist schwül-klebrig. Die Zikaden zirpen wahnsinnig laut – das ist das einzige Geräusch, das ich irgendwann nicht mehr wahrnehme. Es ging sogar so weit, dass ich lange dachte, es gäbe keine Zikaden in Cannes. Hier höre ich sie nicht, sondern nur an anderen, mir weniger vertrauten Orten oder wenn ich nach einer Zeit ohne Zikaden (aus den Bergen oder Deutschland) wieder zurückkomme.

Das Wummern höre ich, den Autoverkehr vor dem Haus ebenso wie die nachts unartikuliert brüllenden Touristen aus dem Airbnb nebenan und die asthmatisch röchelnde Waschmaschine, ebenfalls aus dem Airbnb. Die Nächte sind anstrengend. Erst gegen Morgen schlafe ich tief und fest. Aber dann hat mich Monsieur heute Morgen gegen sechs Uhr geweckt und gefragt, ob ich mit ihm an den Strand zum Schwimmen wolle. Jetzt! Nein, das wollte ich nicht, ich wollte schlafen. Um halb sieben weckt er mich erneut und fragt, ob ich jetzt vielleicht bereit sei. Herrgott, nein. Irgendwann ging er allein, kam aber zurück, um mich noch einmal zu wecken und zu fragen, ob ich wüsste, wo seine Schwimmflossen seien. Grrr. Jetzt sitze ich vor dem kleinen Ventilator und schreibe in Etappen.

Beamen wir uns zurück in die Berge.

Hier ist der Blick auf den Mont St. Honorat (2500 m). Das ist der einzige Berg, den ich je bestiegen habe. Davor, in der Bildmitte auf der Ebene ganz links, ist irgendwo der Hof, auf dem ich damals ein Jahr lang mitlebte. Das ist jetzt einundzwanzig Jahre her.

Ich habe es nochmal rangezoomt.

Das, was ich gemacht und gelebt habe, ist jetzt anscheinend ein Sujet in der Gegenwartsliteratur, Frauen, die alleine aufs Land gehen und versuchen, sich da zurechtzufinden. Ich verlinke hier mal den Beitrag vom Deutschlandfunk: “Das Landleben: Zwischen Abgrund und Idyll”. Ein dankenswerter Hinweis von Marion! Ich kann heute auch mal etwas weniger Sympathisches über das Dorfleben erzählen, damit ich nicht am Idyll-Klischee mitstricke.

Das Sommerfest nämlich. Oder fangen wir am Vorabend an, da gab es eine Magie-Veranstaltung im Dorf. Die Region finanziert im Sommer jede Menge (in der Regel Freiluft-) Konzert- und Theater-Veranstaltungen, mit denen die Dörfer im Hinterland bespielt werden. Die Gemeinden können eine oder zwei Veranstaltungen aus dem Kontingent auswählen; wir haben da in den vergangenen Jahren schon ganz tolle und qualitativ hervorragende Konzerte gehört, Klassik, Jazz oder Rock, und für uns ist das alles kostenlos! Dieses Jahr gab es im Juni bereits ein Rockkonzert, die Gruppe war sehr professionnell und gab alles, um uns ZuhörerInnen zu begeistern; allerdings war es am Abend des Mühlenfestes, das erstmals von der jungen Generation organisiert wurde, und es waren recht viele junge Menschen im Dorf, die fanden den Rock’n’Roll nicht so prickelnd und warteten nur darauf, dass die Gruppe ihr Programm beendet hatte, um dann schnell die klassische Fetenmusik über eine Anlage hochzuspielen. Das war vermutlich ein bisschen frustrierend für die Herren Rockmusiker, die noch lange zu banalen Schlagern, ihren ganzen Bühnenabbau vornahmen.

Jetzt also Magie. Wir sind als erste da und setzen uns zunächst in die erste Reihe, geben die Plätze dann aber an die Kinder ab, die später eintrudeln. Überhaupt trifft das Publikum nur langsam ein, zunächst sind nicht mal alle Plätze besetzt. Die Magier sehen es skeptisch und erwarten wohl nicht viel vom wenigen Publikum in dem kleinen Dorf am Ende der Straße. Aber, ich greife vor, es wird eine große Liebe für einen Abend!

Stephen Lucy und Triton heißen die beiden Magier, und sie machen eine interaktive, poetische und auch unglaublich lustige Show. Selten habe ich so gelacht! Sie haben klassische Tricks in ihrem Programm, über die man aber auch als Erwachsener immer noch staunt, denn ja, vor unseren Augen und fast zum Greifen nah, beginnt eine Frau aus dem Publikum zu schweben und eine andere wurde entzweigeschnitten.

Am Ende sind wir alle bezaubert und klatschen uns die Hände wund, der Platz vor der Schule ist jetzt übervoll, die beiden Magier und ihre Assistentin strahlen, sie können es gar nicht glauben, dass sie in diesem kleinen Dorf fast am Ende der Welt, so einen Erfolg hatten. Sie danken uns herzlich und gerührt, wir danken ebenfalls, dass sie sich bis zu uns bemüht haben.

Ich habe ein kleines Video gefunden, das einen Eindruck von der Show gibt:

Am nächsten Morgen stelle ich den Wecker auf sieben Uhr, denn ich möchte einen Tian zum gemeinsamen Essen im Oberdorf mitbringen. Er ist zwar einfach herzustellen, braucht aber Zeit im Backofen. Um zehn Uhr fahren wir (und mit uns ein befreundetes Paar) die sieben Kilometer lange, unbefestigte Straße nach oben. Das Wetter ist durchwachsen, aber es regnet nicht. Seit zwei Jahren haben wir einen neuen Pfarrer. Er ist ursprünglich aus Madagaskar und war zunächst zwanzig Jahre in Italien tätig. Mit seinem schweren Akzent, dem gelegentlichen Abgleiten ins Italienische beim Beten und seiner ungewohnten Liedauswahl kommt er nicht ganz so gut an. Dabei ist er sehr freundlich, bezieht die Kinder auf eine sehr nette Art in den Gottesdienst mit ein und akzeptiert sogar Hunde in der Kirche.

Die Prozession mit der Figur der heiligen Anne, die wie immer von vier Frauen getragen wird, ist dieses Mal kurz und eher still. Kaum jemand kennt noch das Lied „Sainte Anne, ô bonne Mère”. Der Pfarrer kennt es nicht und die alten Damen und Herren, die bis dato immer treu mitgesungen haben, sind nicht mehr dabei. Ich teile es hier einmal, es ist sehr katholisch. Sie müssen es nicht anklicken.

Danach gibt es einen Apéro und schließlich das gemeinsame Essen – unter wolkenverhangenem Himmel, aber zum Glück regnet es nicht. Das Essen ist deutlich beliebter als die Prozession – so zahlreich waren wir noch nie. Siebzig Personen sitzen an den vielen aneinandergereihten Tischen. Wir essen zusammen, ein Nachbar spielt Musik bzw. ein Musikquiz über seine Anlage ab, man plaudert und es herrscht eine super nette Atmosphäre.

Danach wird alles wieder abgeräumt, wir spülen das Geschirr, schließen das Haus ab und fahren gegen 16 Uhr wieder nach unten. Zeit für eine ausführliche Sieste.

Um 18 Uhr gibt es bereits den nächsten Programmpunkt: Fahnenappell mit der Gendarmerie am Kriegerdenkmal. Alles ist dieses Mal sehr offiziell und reglementiert: das Ablesen der Namen am Kriegerdenkmal, das Ablegen der Blumengestecke in den Farben Blau, Weiß und Rot sowie das Absingen der Marseillaise. Danach folgt die Rede der Bürgermeisterin. Glücklicherweise haben zwei Regionalpolitiker abgesagt, deren traditionell nicht enden wollende Reden mir nicht fehlen. Die Bürgermeisterin schneidet auch das Thema der Auberge an, denn die Aubergistin, die gerade mal seit einem Jahr dort tätig ist, wird uns leider schon wieder am Ende der Saison verlassen. Das ist schade, denn auch wenn sie keine Sterneküche zauberte, war sie die erste Person, die es schaffte, nicht nur Touristen zu beherbergen, sondern auch das Dorf und seine Einwohner zu beleben. Es gibt jedoch unvereinbare Differenzen zwischen der Aubergistin und der Bürgermeisterin – und jede erzählt die Geschichte anders. Die Wahrheit liegt vielleicht, wie so oft, in der Mitte.

Es folgt ein erneuter Apéro, dann ziehen wir langsam auf den Platz um, wo das Abendessen stattfinden soll. Auch hier gibt es Rekordzahlen: 160 Personen sollen heute hier verköstigt werden – ein enormer logistischer Aufwand, selbst für das große Team, das das Fest organisiert.

Nur eine Handvoll Leute lebt derzeit ganzjährig im Dorf. „Wer sind denn all die Menschen, die hier auf dem Platz herumstehen? Die habe ich ja noch nie gesehen“, fragt eine seit ein paar Jahren in einem Häuschen in der Nähe des Dorfes lebende Neueinwohnerin fassungslos. Diese über hundert Menschen, die zum Fest anreisen und das Dorf fluten, befremden sie. Aber so ist es nun einmal. Beim Sommerfest im unteren Dorf merkt man, dass man auch nach zwanzig Jahren noch „fremd” ist – und das wird sich vermutlich auch nach fünfzig Jahren nicht ändern, auch wenn ich das nicht mehr erleben werde. Da kann man noch so viel Zeit im Dorf verbringen und sich noch so sehr als Teil der Gemeinschaft fühlen: Die anderen haben ihre Wurzeln hier, sind seit Generationen hier zu Hause – und so benehmen sie sich auch. Brüder und Schwestern, Tanten und Onkel, Cousinen und Cousins, Nichten und Neffen sind angereist. Viele der jungen Erwachsenen habe ich als achtjähriges Rotzbengel kennengelernt. Was haben mich manche von ihnen genervt! Jetzt kommen sie mit ihrer Freundin und einem winzigen Baby im Arm ins Dorf ihrer Urgroßeltern und Großeltern und werden gefeiert. Die Plätze an den Tischen werden traditionell nach Familien vergeben. Die Neueinwohner des Dorfes kommen in der Regel an einen Extratisch, wenn man sie nicht komplett vergessen hat – wie mich und Monsieur. Man habe keine Anmeldung von mir bekommen, heißt es. Na, danke. Jetzt, so kurz vor knapp, ist es fast unmöglich, noch einen Platz an einem Familientisch zu bekommen. Monsieur meldet sich ab, da er vom Mittagessen noch satt ist. Ich versuche, alleine irgendwo unterzukommen, und finde einen Platz bei der Familie, mit der wir auch mittags schon zusammengesessen haben. Um 21 Uhr, als sie gerade mit dem Service des ersten Entrées beginnen, wird der Himmel plötzlich schwarz: Blitze, Donner und prasselnder Regen setzen ein. Alle springen auf und suchen Schutz unter Türvorsprüngen, Dächern und in Kellereingängen. Nach einer halben Stunde ist das Gewitter vorbei.

Wir wischen die Tische und Bänke ab und setzen uns wieder hin. Das Wetter bleibt jedoch unbeständig. Man bittet uns daher, mitanzupacken und Tische, Bänke und Stühle ins Zelt vor dem alten Schulhaus zu transportieren. Dort ist zwar weniger Platz, aber immerhin sitzt man im Trockenen. Für den Service wird es jedoch schwierig, da sie nun alles vom Platz durch den Regen nach unten tragen müssen. Zunächst schleppen wir jedoch in Windeseile Tische und Stühle und bauen sie im Festzelt wieder auf. Alle Tischreservierungen sind jedoch hinfällig, Familien werden getrennt und es findet ein Hauen und Stechen statt, um festzulegen, wer mit wem wo sitzen kann. Für mich ist leider kein Platz mehr, zumindest nicht bei der Familie, die mich eben noch beherbergt hatte. „Hier ist für meine Freundin reserviert”, schreit eine sonst reizende Dame und schießt mir böse Blicke zu. „Setz dich doch da hinten hin”, schlägt man mir vor. Die jungen Leute haben zwar noch einen Platz, aber sie sehen mich zweifelnd an. Ich habe auf die jungen Leute auch keine rechte Lust – immerhin verbringt man noch Stunden miteinander. Ich habe mich schon durch so viele Festabende mit Leuten, die ich nicht kannte, und schleppende Konversation gequält. Das muss heute nicht sein. Ich gehe also, zugegeben etwas resigniert, einfach nach Hause und mache mir ein Schinkenbrot.

Ich habe keine Ahnung, wie das Fest letzten Endes war. Die Vereinspräsidentin hat mir am nächsten Tag demonstrativ den Rücken zugedreht. Aus ihrer Sicht war ich vermutlich unsolidarisch. Erst habe ich sie bedrängt und wollte unbedingt irgendwo sitzen. Als es schwierig wurde, habe ich nicht teilgenommen. Nun gut. Vielleicht lässt sich das zu einem späteren Zeitpunkt etwas unaufgeregter klären.

Am Sonntag reisen wir ab, aber wir nehmen die letzten Veranstaltung nachmittags noch mit: Magali alias Clownin Bidouille, die ihre vierzigjährige Krankenhaus-Clown-Karriere beendet, gibt ihre letzte Veranstaltung in ihrem Heimatdorf. Dies ist jetzt eine richtige Kinderveranstaltung, aber trotzdem sehr spaßig und endet mit dem Öffnen eines riesigen Schirms, aus dem es zur Freude der Kinder Bonbons regnet.

So viel für heute und à bientôt!

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Nach dem Gewitter ist vor dem Gewitter

Nach dem letzten heftigen Gewitter vorgestern Nacht war, wie könnte es anders sein, das Internet weg. Das kennen wir schon, das regt mich kaum noch auf, aber es blieb dieses Mal doch verflixt lange weg. Bis ich mir dann heute Nachmittag die winzig klein geschriebene Nachricht auf dem mobilen Modem genauer angesehen habe: No Sim Card. Erst dachte ich, einer der Blitze habe die Sim Card im Modem geschrottet. Keine Ahnung, ob das überhaupt möglich ist, aber warum nicht. Ich mache das, was man so macht, schalte das Gerät aus und wieder an, still no Sim Card. Ich überlege also, eine neue Sim Card zu erwerben, aber wie, ohne Internet mitten in den Bergen. Erstmal mache ich das Kästchen auf, um zu sehen, was für eine Micro- Nano- oder was auch immer für eine Sim Card darin steckt. Und dann sehe ich, dass sie ein bisschen schief in ihrer Halterung hängt, ich schubse sie richtig hinein, und siehe da, es ward Internet! Vielleicht habe ich das Kästchen ein bisschen unsanft hin und hergeschubst auf seinem Weg von Raum A nach Raum B, wo immer gerade das Internet gebraucht wird. Vielleicht ist es auch jemanden heruntergefallen, was eine fehlende Ecke andeutet. War natürlich niemand. Auf die Katze kann man es nicht mehr schieben. Anyway. Internet ist zurück, Halleluja!

Immerhin kam gestern eine Buchbestellung an, und mangels Internet las ich den ganzen Mittag und Abend, und zwar in “Moosland” von Katrin Zipse. Ein Island Roman, der hier und da hoch gelobt wurde. Zurecht, stimme ich zu. Wenn es Ihnen zu heiß ist, tun die vielen Naturbeschreibungen von Regen, Schnee, Wind und Wetter ziemlich gut. Ansonsten ist es eine schöne Geschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht: Nach dem Zweiten Weltkrieg reisten knapp 300 deutsche junge Frauen nach Island, um dort auf Höfen mitzuarbeiten und auch als mögliche Heiratskandidatinnen, denn in Island herrschte zu dieser Zeit Frauenmangel. In “Moosland” folgen wir der Romanfigur Elsa, die vom Krieg traumatisiert ist, und die nichts und niemandem mehr hat. Sie ist allerdings kein Mädchen vom Land, was eigentlich gefordert ist und sie spricht nicht. Mich erinnerte ihre Ankunft auf dem abgelegenen isländischen Hof sehr an meine auf dem abgelegenen südfranzösischen Hof vor jetzt 21 Jahren, wo ich trotz meiner rudimentären Französischkenntnisse lange stumm blieb. Nicht nur, dass ich kaum etwas verstand und mich außerdem nicht traute, am Tisch vor aller Augen und Ohren etwas zu sagen, ich konnte vor allem nicht darüber sprechen, was ich erlebt hatte und warum ich eigentlich da war.

Ich kann mich also mit Elsa identifizieren und lege das Buch erst aus der Hand als ich die letzte Seite gelesen habe. Dann schreibe ich einen Brief an Anne, die Mutter der Hofes, die nach dem Tod von Dany weggezogen ist – den Hof gibt es so nicht mehr, es leben andere Menschen dort, die ich nicht mehr kenne. Anne geht es gesundheitlich nicht sehr gut, so wenig gut, dass ich mich nicht traue, sie einfach zu besuchen. Ein Brief gelingt mir da eher. In der Zwischenzeit schreibe ich ihn auf Französisch, frage den Gatten zwar bei jedem Satz, ob er nicht zu simpel klinge, der widerum winkt ab. “Schreib, was du auf dem Herzen hast und mache keine Stilübung daraus”, sagt er. Recht hat er.

Zum Nationalfeiertag sind wir wieder in die Berge gefahren. Wir waren nur zehn Personen und eine Handvoll Kinder – Enkelkinder, die bei den jeweiligen Großeltern Ferien machen –, die an der Gedenkfeier zum zehnjährigen Attentat in Nizza teilnahmen und eine Schweigeminute einhielten. Danach sangen wir die Marseillaise und hörten von Dick Rivers „Nice Baie des Anges”, das zwar die Sechzigerjahre besingt, als er achtzehn Jahre alt war, aber die Sehnsucht nach Sorglosigkeit kann auch für das Nizza vor dem Attentat gelten.

Si t’avais goûté
A Nice baie des Anges en plein été
Avec tous ces anges à tes côtés
Tu n’pourrais plus rêver

– passt auch zur Trauerfeier in Nizza, wo seit zehn Jahren und dieses Jahr sehr eindringlich der 86 Toten, den Engeln in der Baie des Anges, der Engelsbucht, gedacht wird.

Wir essen ein Repas partagée, zu dem jede(r) etwas beigetragen hat. Später sehen diejenigen, die einen Fernseher haben, Fußball. Am nächsten Tag vertilgen wir mittags gemeinsam die Reste unter dem alten Kastanienbaum am Dorfende – dem einzigen luftigen und schattigen Platz im Dorf. Wir leeren die Platten und Schüsseln sowie die Flaschen, holen mehrfach Wasser vom Brunnen, jemand kocht Kaffee und wir teilen noch einen letzten Panettone. Wir sitzen bis spät zusammen und erzählen Geschichten von heute und von früher. Es war ein wunderschöner Sommertag.

Vergangenen Sonntag fand in Guillaumes eine kleine lokale Buchmesse, der Salon de Livre, statt. Wir haben dort ein paar Bücher erstanden und mit den Autoren diskutiert. Natürlich habe ich einen Krimi und eine Bande dessinée (eine Graphic Novel) gekauft, letztere zum Thema der versteckten jüdischen Kinder während des Zweiten Weltkriegs. Darüber habe ich ja selbst auch einen Krimi geschrieben und wir haben über unsere Recherchen diskutiert. Die Autoren des BD wurden von der Region für dieses Projekt unterstützt und haben in allen Dörfern im Hinterland nach Menschen geforscht, die jüdische Kinder – mitunter auch Familien – versteckt haben. All diese Menschen gelten als „Les Justes parmi les Nations”. Tatsächlich gab es in dem sehr abgelegenen Dorf Bouchanières (da waren wir letztes Jahr) und dem heute nicht mehr existierenden Dorf Barels (dort sind wir vor vielen Jahren hingewandert) Menschen, die andere Menschen aufgenommen und versteckt haben.

Zum Salon du Livre wurde auch ein öffentliches Diktat geschrieben. Das ist eine Leidenschaft der Franzosen. Vor zwei Jahren gab es eine riesige Veranstaltung auf den Champs-Élysées, bei der mehrere Tausend Menschen ein Diktat schrieben.

Es war eine Backofenhitze in Guillaumes, so dass wir dem nachmittäglichen ambulanten Straßentheater (nach dem Mittagessen und einer gewissen Bettschwere) nur teilweise folgten.

Am nächsten Tag fuhren wir ins Oberdorf. Monsieur hat immer mal Sehnsucht nach dem alten Schulhaus, in dem seine Kinder eine neue Küche einbauen. Das Haus ist eine Baustelle und wirkt etwas unwirtlich. Gleichzeitig wird das Dorf für das kommende Sommerfest vorbereitet und die Wegränder gemäht. Draußen ist es nervig laut und von den sirrenden Freischneidern fliegen einem kleine Steinchen um die Ohren. So nehmen wir unser mitgebrachtes Essen dann doch in der nicht mehr existenten Küche ein. Später treffen wir alte Nachbarn und erzählen uns gegenseitig, was es Neues gibt.

Während Monsieur seine Sieste macht, reinige ich das Oratorium der heiligen Anne, entferne eimerweise das alte Laub, das sich hinter dem Zaun angesammelt hat, und pflücke Blumen, die ich ihr hinstelle. Ich schicke auch meine Gedanken an Anne vom Hof.

Als wir wieder hinunterfahren wollen, kommen uns zwei sichtlich erschöpfte junge Frauen entgegen. Sie bitten uns flehentlich, sie mitzunehmen, da sie nicht mehr laufen können und auch nicht mehr wollen. Alle Vorschläge, erst einmal auszuruhen und in der existierenden Herberge eine Nacht zu bleiben, um dann weiterzusehen, werden vehement abgewiesen. Sie wollen nur zurück zum Auto und weg aus den Bergen. Sie hatten eine fünftägige Rundwanderung geplant, sind aber nach drei Tagen am Ende ihrer Kräfte. Die Hitze, die Schwere der Rucksäcke, die anspruchsvollen An- und Abstiege und vor allem, dass sie drei Tage lang niemandem begegnet waren, hatten sie vollkommen überfordert. Wir nehmen sie mit hinunter und fahren sie dann sogar bis ans Ortsende von Guillaumes. Von dort aus wollen sie nach Valberg trampen. Eigentlich wollten sie ein Taxi nehmen, aber einen solchen Service gibt es hier nicht. Ich hoffe, sie sind wohlbehalten in Valberg und letztlich in Montpellier angekommen. Wenn Sie wandern, denken Sie daran, genügend Wasser mitzunehmen. Das Wasser aus plätschernden Bächen (sofern es welche gibt) oder Bergseen ist oft von Tierfäkalien verseucht, auch wenn es noch so klar aussieht. In den Pyrenäen sind gerade ein paar Menschen mit starkem Brechdurchfall im Krankenhaus gelandet, nachdem sie unterwegs an Wasserstellen getrunken haben.

Was machen wir sonst? Ich gehe wie immer auf dem kleinen Markt einkaufen, treffe viele Menschen und plaudere lange mit ihnen. Dann koche ich. Manchmal wird man zum Essen eingeladen und lädt dann seinerseits Menschen zum Essen ein. Freitags fahre ich in aller Frühe nach Valberg zum Aquagym. Auf dem Weg dorthin kaufe ich bei einem tollen Bäcker Bio-Brot ein und auf dem Rückweg lade ich Müll bei der Déchetterie ab. Es muss sich ja lohnen, wenn man so weit fährt.

Wir lesen und werkeln (ich reiße Umkraut heraus, Monsieur streicht Türen). Manchmal spielen wir nachmittags Rummikub mit einigen der älteren Damen, die den Sommer hier verbringen. Donnerstags lädt die Aubergistin zum Spieleabend ein. Es gibt ein einfaches Gericht für alle und Happy Hour für Getränke. An den letzten Donnerstagen haben wir immer draußen eine Art Kegeln gespielt. Das ging immer bis spät in die Nacht. Am Ende sah man kaum noch etwas, aber es war sehr lustig!

Kürzlich sahen Monsieur und ich einen alten amerikanischen Film aus dem Jahr 1952 über eine etwas unübersichtliche Spionageaffäre zwischen Russen und Amerikanern. Ich war hochgradig irritiert, weil eine blonde Schauspielerin aussah wie die junge Hildegard Knef, obwohl sie nicht genannt wurde. Ich googelte und siehe da, es ist Hildegard Knef! Hildegarde Neff natürlich. Der damals noch junge Karl Malden spielt auch mit.

Am Wochenende haben wir das große Sommerfest, umrahmt von zwei clownesken Theaterstücken, und wie könnte es anders sein, Gewitter sind angekündigt, ausgerechnet für Samstag!

Ich werde versuchen zeitnah zu berichten. Danach fahren wir wieder nach Cannes – die Handwerker nehmen ihre Arbeit wieder auf. Ich fürchte mich vor der Hitze, aber immerhin haben wir knapp zwei Wochen in erträglichen Temperaturen verbringen dürfen.

So viel für heute! Ich hoffe, bei Ihnen sind die Temperaturen erträglich! à bientôt!

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12 von 12 im Juli 2026

Ich bin etwas zu spät, habe aber gestern mitgemacht bei 12 von 12, also bekommen Sie die Fotos und ihre Geschichte auch.

Es begann in den Bergen. Da waren wir übers Wochenende, weil der Verein alljährlich sein Loto veranstaltet hat und ich die Freundin, die eh schon so viel alleine stemmt, damit nicht alleine lassen wollte. Mir gings allerdings immer noch nicht richtig gut – ich habe mir vergangene Woche in Deutschland irgendwelche bösen Bakterien eingefangen, die mich beinahe umgebracht haben. Zumindest dachte ich das, als ich eine Nacht lang mit einer Schüssel auf den Knien auf dem Klo saß. Letzen Endes habe ich vor dem Klo geschlafen. Ich erspare Ihnen die Details.

Anyway wir sind Freitag Abend hochgefahren, zwanzig Grad Temperaturunterschied, nach Hagelgewitter – davon stammt das erste Foto, denn gestern habe ich dann doch nicht mal zwölf Fotos gemacht – Samstag war das Loto, und man kann es nur meinem noch immer leicht schwächelnden Gesundheitszustand zuschreiben, dass ich davon dieses Jahr kein einziges Bild gemacht habe. War ja aber auch der Samstag und noch nicht der Zwölfte, da immerhin denke ich dran.

Frühstück vor dem Frühstück: Probiotische Bakterien für die Darmflora und Brausetabletten mit Mineralsalzen.

Frühstück mit Aussicht. Haferflocken mit Schafsjoghurt (lokale Produktion) und frischen Pfirsichen. Lupinenkaffee mit Hafermilch.

Tian in the making. Während das Gemüse im Ofen schmurgelt, hole ich meinen bestellten (Schafs-)Käse aus dem Kühlschrank im Dorf, der von den Schäfersleuten bestückt wird.

Dabei entdecke ich, dass unsere Straßenschilder angebracht worden sind. Bis vor einem Jahr hatten wir keine Straßennamen, alle Post kam immer nur im “village” an. Der Postbote kennt uns sowieso und weiß, wer wo wohnt. Aber jetzt sind Straßennamen auch für kleine Gemeinden verpflichtend geworden. Hier die Promenade St Nicolas, die zur Kirche mit dem gleichlautenden Namen führt.

Mittagessen mit Tian, Kalbshacksteak für Monsieur, Panisse und zweierlei Schafskäse.

Sieste ohne Foto. Danach scrolle ich durch Social Media und bleibe bei @mrs.malonn hängen, die mit ihren Kindern in der @arche_nordholz, einem Mehrgenerationenhof in Norddeutschland lebt. Ihr Leben ist nicht leicht, sieht aber immer bezaubernd aus. Vielleicht mögen Sie auf Instagram mal reinschauen. Ich kenne, wie so oft in der Internet-Welt, Denise aka Mrs Malonn nicht im richtigen Leben, aber dieser Hof und das Leben dort (zumindest das, was ich davon sehe) ist mein heimlicher Traum. So etwa wünsche ich mir das Leben für meine alten Tagen. Der Hof steht nun überraschend kurz vor dem Aus – das können Sie dort alles selbst nachlesen – es gibt wohl auch weniger nette Bewohner. Zwei Go-fund-me-Kampagnen wurden gestern ins Leben gerufen, hier und hier, die eine, die Geld für die rechtliche Abwendung der Nutzungsuntersagung sammelt, die andere die zusätzlich Geld für die erforderlichen baulichen Maßnahmen (Elektrik, Heizung) sammelt. Ich habe da gestern spontan etwas gespendet, in der Hoffnung, dass Wohnprojekte wie dieses eine Zukunft haben.

Dann fahren wir wieder Richtung Cannes, extra etwas früher, um nicht in den allgemeinen Sonntagsabendsrückreiseverkehr zu kommen, werden dann aber auf der D6202 ausgebremst. Stau. Es geht nichts mehr. Niemand weiß etwas. Irgendwann fahren Krankenwagen und Gendarmerie mit Tatütata an uns vorbei. Dann noch ein Krankenwagen und noch mehr Gendarmerie, dann nach knapp zwei Stunden endlich ein Abschleppwagen. Wir stehen in der Sonne, die Grillen zirpen laut. Es geht manchmal fünf Meter weiter, weil Autos aus der Schlange umkehren und zurückfahren. Für uns keine Option. Wir haben eine Baustelle in Cannes, die Monsieurs’ Präsenz erfordert. Keine Alternativroute möglich.

Immerhin kommen wir beim fünf Meter vorrücken einmal in den Genuss von Schatten hinter einem kleinen Baum, wo wir jetzt stehen bleiben.

Glücklicherweise haben wir eine Flasche kühles Wasser dabei. Ja, wir haben eine Klimaanlage im Auto, die jedoch nicht im Stau funktioniert. Nach zwei Stunden Totalblockade geht es jetzt mit wechselndem Verkehr weiter. Als wir an der Unfallstelle vorbeifahren sieht es dort ganz grauenhaft aus. Vermutlich ein Frontalzusammenstoß bei einem Überholmanöver auf der engen Straße, bei der kein Ausweichen möglich war.

Genau das steht heute auch in der Zeitung.

Wir kommen in Cannes an, steigen aus dem klimatisierten Auto und heiße klebrige Luft überfällt uns. Die Zikaden zirpen laut, vom Strand wummern anders laut die Bässe von einer Party durch die Stadt. Sieht man alles nicht auf diesem Bild aus dem Vorgarten.

In der Wohnung dann Versuch über offene Fenster Luft hineinzulassen. Vergeblich. Anders als in den Bergen (und in Deutschland!) kühlt es hier nachts nicht mehr ab. Das bleibt jetzt so bis Ende August. Leben mit zwei Ventilatoren, die die heiße Luft umrühren.

Ich kann hinzufügen, dass wir keine erholsame Nacht hatten. Trotz Ventilator. Und nein, wir wollen trotzdem keine Klimaanlage einbauen. Ich hoffe, dass wir baldmöglich wieder in die Berge fahren können.

Morgen ist Nationalfeiertag, daher ist heute ein Brückentag, Bäcker, Metzger und Bank haben geschlossen. Im Prinzip haben alle haben geschlossen im Sommer. Die Bauarbeiter immerhin kamen heute brav noch einmal, bevor sie die Baustelle bis zum 26. Juli verlassen. Natürlich ist nichts fertig, wo denken Sie hin. Schulterzucken. Was wollen Sie. Es ist Sommerpause in Frankreich.

Oh, und der letzte Absatz ist verloren gegangen, der Link zu den anderen 12 von 12ern bei Caro! Da bin ich die tatsächlich die Hundertste! Hurrah!

Danke fürs Anschauen und Lesen!

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Sommernews aus dem Bergdorf

Wir sind der Canicule, der Hitzewelle, entkommen und früher als sonst in die Berge gefahren. Hier ist es dann wider Erwarten aber auch heiß. So früh im Jahr ist das ungewöhnlich.

Es ist so ruhig hier! Ich bin jedes Mal aufs Neue entzückt von der Stille, die hier herrscht. In Cannes hatten wir vor dem Haus eine Baustelle und hinter dem Haus waren laute Bagger im Park am Werk. Hier ist es still. Nur unterhalb des Hauses bähen und bimmeln Schafe. Es klingt, als sei es nicht die kleine Herde der Schäfer aus dem Dorf, sondern eine größere Herde, die unterhalb des Dorfes Zwischenstation macht, bevor sie weiter in die Berge zieht. Über uns fliegen ein paar handzahme Spatzen, die sich auch von meiner Anwesenheit auf der Terrasse nicht stören lassen. Vögel zwitschern, und der Kuckuck ruft auch immer noch. Durch die Gorges de Daluis folgten wir zwei Transportern, die Schafe in die Berge brachten. Kaum ein Schäfer vollzieht die Transhumanz noch komplett zu Fuß. Die Schafe werden von der Winterweide unten im Var in die Berge transportiert und nur die letzten Kilometer gehen sie zu Fuß bergauf zur Sommerweide.

Als es nicht mehr ganz so heiß war, dachte ich, ich würde mir die Schafherde mal ansehen. Vielleicht könnte ich ein paar nette Fotos machen, vorausgesetzt, die Hütehunde würden nicht wild und aggressiv hinter dem leichten Zaun bellen, um mich als potenziellen Feind zu vertreiben. Doch dann kamen wir gerade noch rechtzeitig zum Abmarsch der Schafe ins Oberdorf. Was für ein Spektakel, und das gleich am ersten Abend! Wie wunderbar! Ich habe davon auch ein kleines Video aufgenommen. Über Stunden habe ich es mit dem schwächelnden Internet erst konvertiert und dann komprimiert, um es anschließend in ein blogkompatibles YouTube-Video umzuwandeln. Groß ist es aber immer noch. Uff!

Am Sonntagmorgen widmete ich mich dann gleich meiner niemals endenden Tätigkeit, dem (Un-)Kraut-Herausreißen. Es geht relativ leicht, weil es hier wohl immer mal wieder regnet, wie sie uns gestern gesagt haben und wie wir dann nachmittags erleben durften. Es schüttete und gewitterte, und am Ende gab es noch einen heftigen Blitz, der die Sicherungen herausfliegen ließ. Dass man in diesem Land keine Blitzableiter kennt, wundert mich bei jedem Gewitter aufs Neue. Eine Freundin war aber noch vor dem Regen gekommen. Wir quatschten, tauschten Neuigkeiten aus – es gibt viele, leider nicht nur gute – und sie blieb aufgrund des nimmer enden wollenden Regens noch zum Abendessen.

So versuchte ich heute Morgen erneut, dem grün sprießenden Kraut Einhalt zu gebieten. Man könnte eine schöne Biotopkartierung auf unserer Kieszufahrt erstellen: Löwenzahn, Breitwegerich, Spitzwegerich, Klee, Disteln, Schafgarbe, wilde Möhren, Königskerzen, Gräser und allerlei anderes, das ich zwar immer mal mit meiner App „Flora Inkognita” suche, aber dann wieder vergesse.

Heute Mittag waren wir bei Freunden zum Essen eingeladen und morgen schon wieder. Es ist wunderbar, wie sehr man hier sozial eingebunden ist. Das stresst mich allerdings auch gleich wieder, denn ich muss ja zeitnah zurückeinladen.

Seitdem gibt es hier jeden Nachmittag Gewitter. Die kühlen es hier oben zwar schön ab, allerdings fliegen dabei auch jeden Nachmittag die Sicherungen raus und das Internet- und Telefonnetz bricht (mal kürzer, mal länger) zusammen.

Sommergewitter. Südfrankreich: nur echt mit Stromleitung vor dem Fenster

Wir hatten jetzt fast zwei Tage lang kein Internet und kein Telefonnetz. Wir lasen und hörten mit einem kleinen Radio kratzige Musik. Heute Morgen lief ich dann ans andere Ende des Dorfes und siehe da, pling, pling, ich erhielt die ersten Nachrichten, denn hier wird das Dorf von einer anderen Antenne versorgt. Zuhause hatte ich erst kurz vor 12 Uhr wieder Netz. Der erste Anruf, der durchkam, war gleichmal eine Mahnung, weil ich vergessen hatte, etwas zu überweisen. Und schon ziehen wieder dunkle Wolken auf.

Gestern Morgen war ich im größeren Dorf, um Brot zu kaufen und mich mit einer Freundin zu treffen. Wir konnten uns kaum verstehen, so laut waren die ständig durchrasenden Motorräder. Dann gab es noch zwei Ferraris, die ihre Motoren röhren ließen, bevor sie sich entscheiden konnten, ob sie weiter hochfahren oder doch lieber wieder umkehren wollten. Herrje. Unter den Motorradfahrern waren auch viele Deutsche. Ich muss aufhören, mich für alle Deutschen verantwortlich zu fühlen, die hier einen Kaffee trinken wollen. Die Auswahl in der Bäckerei gefällt ihnen nicht. Das industriell gefertigte Brot und die diversen Backwaren im kleinen Lebensmittelladen wollen sie natürlich auch nicht und die einzige Kneipe (Bar Tabac), in der man einen Milchkaffee bekommen könnte, gefällt ihnen auch nicht. Ob es im nächsten Dorf nicht etwas Besseres gäbe, werde ich gefragt. Ich sage, das nächste Dorf mit Bäcker und ähnlicher Kneipe sei 45 Minuten entfernt. Oder sie fahren hoch in den Skiort Valberg, das ist nur etwa eine Viertelstunde entfernt. Dort gibt es immerhin drei Bäcker. Dass diese auch keinen Milchkaffee im Angebot haben und das Angebot an Backwaren gegen 10 Uhr schon begrenzt sein kann, sage ich nicht. Das wollen sie aber sowieso nicht, denn es liegt nicht direkt auf ihrem Weg „ans Mittelmeer“, wie sie mit leuchtenden Augen sagen. „Dann nicht“, zucke ich mit den Schultern. Sie lassen aber nicht locker. Sie haben unterwegs einmal so ein tolles Frühstück bekommen. Ob man so etwas nicht auch hier … ich lasse sie dann aber alleine mit ihrem Schicksal und gehe mit der Freundin Milchkaffee trinken in der, zugegeben nicht sehr charmanten, aber einzigen Bar Tabac im Ort. Der Milchkaffee dort ist ziemlich gut.

Heute ist das Gewitter schon früher durchgezogen und hat zumindest bis eben keine nennenswerten Schäden hinterlassen. Am Samstag findet das Mühlenfest statt. Es gibt eine Wanderung zur weit unten liegenden Mühle, ein Picknick, später einen Apéro und ein Barbecue auf dem Platz. Danach gibt es noch ein Open-Air-Konzert. Hoffentlich bleibt es wenigstens am Samstag trocken!

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Berlin Ost und West

Wir waren aufgrund der Flugverspätung mitten in der Nacht in Berlin angekommen.

Die angeheiratete Enkelin verbringt ein Erasmus-Semester in Berlin – Grund genug, sie dort zu besuchen. Ich war also mit der französischen Familie unterwegs – eigentlich sollten wir zu siebt sein, aber einer fiel wegen eines akuten Blinddarms aus, Monsieur hingegen wegen eines akuten „Das ist mir alles zu viel“. So teilten wir unsere zwei Vierbettzimmer im Jugendhotel in ein Zweier- und ein Dreier-Grüppchen auf und hatten mehr Platz. Das Hotel liegt am Rande des Prenzlauer Bergs, sodass ich erstmals in all den Jahren, in denen ich nach Berlin fahre, im Osten untergebracht bin. Noch nie bin ich so viel durch den Osten gefahren und gelaufen, noch nie habe ich so viele Plattenbauten bewusst wahrgenommen, noch nie war der Alexanderplatz mein täglicher Umsteigebahnhof und noch nie habe ich den Fernsehturm so intensiv wahrgenommen. Es ging mir mit ihm so ähnlich wie mit dem Eiffelturm in Paris – ich sehe ihn dieses Mal ständig.

Auch die Enkelin wohnt in einem Studentenwohnheim im Ost-Berliner Stadtteil Lichtenberg, im Hans-und-Hilde-Coppi-Haus, und ist komplett ostorientiert. Sie würde keinesfalls in Charlottenburg schwimmen gehen, da kann das Schwimmbad noch so schön sein, es ist ihr einfach zu weit weg. Ich wusste vorher nicht, dass Hans und Hilde Coppi in etwa das ostdeutsche Pendant zu Hans und Sophie Scholl sind. Vielleicht wussten Sie das aber schon und/oder haben den letzten Film von Andreas Dresen gesehen und sind besser informiert als ich.

Aus unserer Gruppe sind manche zum ersten Mal, andere zum zweiten Mal in Berlin, wir machen also, zusammen mit der Enkelin, das klassische Touristenprogramm, und darunter sind überaschenderweise Orte, die sogar ich noch nie gesehen habe!

Das Stasimuseum zum Beispiel, im ehemaligen Ministerium für Staatssicherheit – meine Güte, was für ein riesiger Komplex! Und was für ein riesiges und informatives Museum! Es ist natürlich viel zu viel für unbedarfte Frenchies, und wir haben ja noch so viel anderes vor, also versuche ich sinnvoll abzukürzen und erkläre, soweit ich es vermag, und weise auf den Film “Das Leben der anderen” hin. Ich habe extra eine Fotoerlaubnis miterworben, aber ich mache dann kaum Fotos.

Teil des Stasi-Ministeriums (es gibt Büroräume zu mieten :D )

Danach brauchen wir erstmal eine Currywurst, eigentlich hatten wir Konnopke (im Osten) geplant, landeten dann aber aus Versehen bei Curry 61 in der Oranienburgerstraße, die Enkelin verzog abschätzig den Mund, sie ist jetzt schon Currywursterfahren, aber ich fand die Qualität gut (“mit Darm” übrigens, das ist man früher nicht gefragt worden, will mir scheinen) und die junge Frau, die uns bediente, schnitt die Wurst noch von Hand, die Pommes waren perfekt.

Wir tranken einen Kaffee und aßen deutschen Käsekuchen in einem Café in den Hackeschen Höfen. Die Kellnerin war Französin und wir plauderten vergnügt. Danach fuhren wir ins Hotel und brauchten alle ein Mittagsschläfchen. Als wir wieder fit waren, war es Zeit für den Apéro. Wir entdeckten in einer Nebenstraße des Hotels eine nette Kneipe mit freundlicher Bedienung. Wir setzten uns nach draußen, direkt neben eine Gruppe bereits sehr gut gelaunter Franzosen. Ganz Berlin ist voller Franzosen. Mein Hirn drehte durch und ich vergaß zwischenzeitlich, dass ich auch Deutsch sprechen kann. Aber ich kam gut mit Französisch durch. Haha. Wir überlegten, wo wir zum Essen hingehen könnten, und bekamen von den Franzosen, die alle in Berlin leben und arbeiten, verschiedene Restaurant-Tipps. Diese stellten sich jedoch als zu hochpreisig für unser Budget heraus, oder sie waren zu weit weg. Da es außerdem gerade heftig zu regnen begann, landeten wir schließlich bei einem französisch sprechenden Italiener in derselben Straße. Das mit dem Regen sollte sich in den nächsten Tagen fortsetzen.

Am nächsten Morgen fuhren wir zum Reichtag und bestiegen die Kuppel. Da war ich zwar vor etwa zwanzig Jahren schon einmal gewesen, aber ich war beeindruckt, als hätte ich sie noch nie vorher gesehen. Tolle Architektur!

Es fing wieder heftig an zu regnen, aber kurz darauf wurde der Himmel über Berlin wieder blau.

Auf dem Weg zum Mittagessen in der Markthalle 9 machen wir einen Abstecher zum Bahnhof Friedrichstraße und dem „Tränenpalast“. Auch dies ist ein Museumsort, den ich noch nie besucht habe. Ich habe jedoch einen persönlichen Erinnerungsmoment, als ich die komischen, engen Resopalboxen wiedersehe, in denen ich mich bei meinem ersten Ost-Berlin-Besuch zu Schulzeiten wiederfand. Oft habe ich davon erzählt, wie unangenehm dieser Moment allein mit dem Grenzbeamten in dieser Box war. Er blätterte in meinem Pass, verglich mich mit meinem Passbild und brauchte gefühlte Ewigkeiten, um den DDR-Ausreisestempel in den Pass hineinzudrücken. Dass ich diese Boxen noch einmal wiedersehen würde, hätte ich nicht gedacht.

Nach dem Mittagessen (Pulled Pork-Sandwich und anschließend Rhabarberkuchen) teilten wir uns auf – ich brauchte Ibuprofen für meine schmerzenden Knie und suchte mir eine Apotheke, die anderen liefen die Eastside-Gallery entlang.

Ich setzte mich in die Straßenbahn und dachte, ein bisschen allein durch den Prenzlauer Berg zu schlendern, aber den anderen war die East-Side-Gallery auch schnell zu langweilig und wir trafen uns alle in der Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße. Dort fing es mal wieder an zu schütten. Den Berlin-Erstbesuchern war es jetzt langsam zu viel mit der Mauer und dem Osten und dem Westen. Immer noch mehr Filme und Fotos … die mich jedoch, je älter ich werde, umso mehr anrühren.

Abends waren wir mit drei Berliner Freunden bei einem Vietnamesen verabredet – es ist ein Touri-Vietnamese, den wir ausgesucht haben, aber egal. Für mich ist es das erste vietnamesische Essen, das ich überhaupt bestelle (der Enkel hatte vor zwei Jahren ein Auslandssemester in Vietnam gemacht und seitdem isst die französische Familie gerne vietnamesisch), ich war komplett überfordert von der Karte, dachte, eine Suppe bestellt zu haben, bekam aber Nudeln mit Hühnchen. War trotzdem gut.

Am nächsten Morgen trennten wir uns, manche flogen in aller Herrgottsfrühe schon wieder zurück nach Toulouse, andere machten eine der Unterwelten-Touren, und ich besuchte die beste Freundin in der Hufeisensiedlung.

Aber erst mache ich noch ein paar Fotos vom Hotel (einfach, sauber und gut, auch hier übrigens wieder viele Franzosen) und dem Viertel, wo wir untergebracht waren.

Am Alexanderplatz dann mache ich noch schnell Fotos vom Allesandersplatz-Schriftzug am Haus der Statistik, den ich abends – stark leuchtend – leider verpasst hatte zu fotografieren (und auch erst gar nicht kapiert habe). Wenn ich die Berliner Freunde richtig verstanden habe, wird jetzt aber doch nicht alles anders, aber ich finde nur diesen nicht ganz negativen Text in der taz dazu.

Gleich nebenan steht das Haus des Lehrers und der Fries an der Fassade erinnerte mich an etwas, ich wusste nur nicht, woran, denn ich sah es meines Wissens zum ersten Mal.

Dann gings zur Hufeisensiedlung.

Bruno Taut
Im letzten Stock nisten Elstern

Zum Mittagessen muss es noch ein Lahmacun mit Dönerfleisch sein. Das habe ich schon bestimmt zwanzig Jahre lang nicht mehr gegessen. Früher habe ich mich davon ernährt. So lecker.

Döner macht schöner!

Und ab gings zum Flughafen. Das Flugzeug hat Verspätung, aber wir kamen gut wieder zuhause an.

Dort sehe ich dann, dass der Umschlag von Christoph Heins „Narrenschiff” mit dem Fries vom Haus des Lehrers gestaltet ist. Das ist vielleicht ein Zeichen, dass ich es jetzt endlich weiterlese. Es liegt schon monatelang auf meinem Nachttisch und ich bin nicht über die ersten fünfzig Seiten hinausgekommen.

Und hier noch ein Berlin-Ohrwurm von Hildegard Knef. Ich hatte es heute den ganzen Tag im Kopf.

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Durch italienisches Hinterland und radeln an der Küste

Zwischenzeitlich war ich eine Woche in Deutschland, bin auch schon wieder auf dem Sprung Richtung Berlin, möchte aber doch gerne noch über die zwei Tage in Italien berichten, die sich an unsere Zeit in La Brigue angeschlossen haben. Ich wollte der Journalistin nämlich noch etwas italienisches Hinterland zeigen, das dem französischen ähnlich, aber doch anders ist. Vor vielen Jahren hatte ich für einen Reiseanbieter eine Kulturwanderreise übersetzt und wollte die kleinen Dörfer, die darin so liebevoll beschrieben wurden, gerne mit eigenen Augen sehen. Ich fuhr also hin und machte eine Art Dörfer-Besichtigungs-Marathon: Dolceaqua, Pigna, Rocchetta Nervina, Isolabona und Apricale. Ich war so entzückt und wollte seit damals immer mal wieder dorthin fahren und mehr Zeit dort verbringen, aber geschafft habe ich es bis heute nicht. Jetzt also! Natürlich wollte ich nicht alle reizenden Dörfer anfahren. Ich wählte Apricale und Perinaldo aus, über die ich am meisten Material hatte. Die Geschichte dieser mittelalterlichen Dörfer ist so facettenreich, dass sie eigentlich nicht in wenigen Worten erzählt werden kann: Apricale zum Beispiel war zunächst autonom, wurde dann Spielball zwischen dem Adelsgeschlecht der Doria mit ihrem Sitz in Dolceaqua und den Grimaldis in Monaco, gehörte ein Jahrhundert lang zu Savoyen und mussten die Konflikte ertragen, die von der Außenpolitik Savoyens erzeugt wurden: Korsen, die im Dienste der Republik Genua standen, verwüsteten die Gegend, es folgten Pestepidemien und die Erbfolgekriege Österreichs vollendeten den Untergang Apricales. Apricale ist heute als Kunstort bekannt, es gibt jede Menge Kirchen, Fresken und eine Festung, in der das Museum von Apricale untergebracht ist. Es gäbe also viel zu sehen. Ich habe uns über winzige Sträßchen durch wunderschöne Landschaften voller Olivenbäume dorthin gekurvt.

Apricale (von der anderen Seite noch attraktiver)

Doch die Journalistin ist nicht halb so begeistert vom Anblick des Dorfes, das, nun ja, wie so viele andere Dörfer auch, zusammengedrängt am Berg klebt. Ich erinnerte mich an einen offenen und eleganten Platz mit geschwungenen Aufgängen, der mich nach den üblichen engen und dunklen Gassen seinerzeit begeistert hatte, und drängte ein bisschen, dass wir uns das Dorf wenigstens kurz ansehen. Dass wir sofort einen Parkplatz finden, macht die Sache einfacher.

Gasse mit Fresken
Typische Steinarkaden – carugi – in Apricale

Seit meinem letzten Besuch ist einige Zeit vergangen. Der in meiner Erinnerung weite und leere Platz ist nun voller Tische, Stühle und Sonnenschirme. Natürlich sind auch viele Menschen dort, die zu bester Mittagszeit essen.

Piazza Vittorio Emanuele II

Ich hatte etwas Ähnliches für uns angedacht, aber die Journalistin winkt nur ab. Sie will nach all dem Gekurve und all den Dörfern ans Meer. Möglichst früh, damit sie noch ausreichend davon profitieren kann. Verständlich, wenn man das Meer nicht täglich vor der Haustür hat, aber Perinaldo, das Dorf der Astronomen, das ich vor zehn Jahren nicht sah, weil ich damals den weniger kulturbeflissenen Gatten in einem Bistro abholen musste, sehe ich auch dieses Jahr nicht, bzw. nur beim Durchfahren. Es ist Pfingstsonntag und alle Italiener besuchen ihre Familien im Hinterland. Es gibt nirgends einen freien Parkplatz, nicht einmal einen winzigen im Halteverbot. Dann eben nicht.

Denkmal für den Astronomen Giovanni Domenico Cassini in Perinaldo

Wir fahren nun zügig, soweit es die kleinen ligurischen Straßen zulassen, Richtung Meer.

Ligurische Berge und Meer

Bei der Vorbereitung unserer kleinen Reise hatte ich keine Lust auf sehr touristische Orte wie San Remo, das mich an Cannes erinnert. Deshalb habe ich Arma di Taggia als unseren Standort ausgewählt. Das kleine Städtchen liegt an der ligurischen Riviera, auch Blumenriviera genannt, die ihrem Namen derzeit mit den üppig blühenden Bougainvilleen in Violett und Weinrot alle Ehre macht. Arma di Taggia ist dann zwar nicht besonders reizvoll, hat aber immerhin einen langen, feinen Sandstrand, der an diesem Küstenabschnitt eine Seltenheit ist. Außerdem verfügt die Stadt über eine nette, kleine Strandpromenade. Unser Hotel liegt genau dort, sodass man in einer Minute am Strand ist. Es liegt außerdem am vor ein paar Jahren neu geschaffenen Radweg, der von Ospedaletti bis nach Imperia führt. Der Radweg verläuft auf der ehemaligen Bahntrasse, die ein paar Kilometer weiter ins Hinterland verlegt und untertunnelt wurde. Das Projekt ist wohl noch nicht beendet, aber man kann heute immerhin 30 Kilometer einfache Strecke am Meer entlangradeln, und das auf einem sehr komfortablen Radweg. Das haben wir für den Folgetag geplant und dazu, auf Wunsch der Journalistin, E-Bikes bestellt.

Ich habe in Deutschland seinerzeit alles mit dem Rad erledigt, fahre aber im tendenziell fahrradunfreundlichen Südfrankreich schon seit Jahren kein Fahrrad mehr, weil es mir einfach zu gefährlich ist. Das Radfahren aber fehlt mir. Die Idee, mir ein E-Bike zuzulegen, mit dem ich wenigstens flüssig im hügeligen Cannes im Straßenverkehr mitfahren könnte, kommt mir immer mal wieder in den Sinn. Ich habe bisher keine Erfahrung mit E-Bikes und habe mich deshalb bei einer Freundin, die selbst ein (klassisches Holland-) E-Bike hat, kurz einweisen lassen. Ich bin entsprechend aufgeregt, als ich jetzt die sehr sportlichen Geschosse sehe, die uns zugedacht sind, mit einem Sattel, der vielleicht für einen Tour de France- oder den Giro d’Italia-Radler geeignet ist, aber meinem Hinterteil schnell Schmerzen bereitet. Die etwas jüngere und E-Bike-erfahrene Journalistin ist schon auf- und davongeschossen und ich fahre ihr nun hinterher – vormittags zunächst in die eine Richtung, vorbei an San Remo, bis ans Ende der Strecke in Ospedaletti und zurück, und nachmittags dann in die andere Richtung bis nach Imperia. Ich muss zugeben, dass ich acht Kilometer vor Imperia aufgegeben habe, weil ich einfach nicht mehr auf diesem Sattel sitzen konnte.

Blick von einer Terrasse in Ospedaletti

Bei Herrn Buddenbohm gab es gerade mehrere Beiträge, in dem E-Bikes und Tourismus kritisch beleuchtet wurden. Ich schreibe diesen Text auch deswegen, weil ich eine der „Ü60-Radlerinnen” bin (allerdings noch nicht mit Gerinnungshemmer-Medikament unterwegs, wie es in einem ebenso kritischen Kommentar heißt), die sich gerade auf ein E-Bike geschwungen hat. Für diese flache Strecke hätte ich es an einem windstillen Tag zwar nicht gebraucht, aber man saust beeindruckend schnell und leicht davon (und kommt glücklicherweise ebenso schnell durch die vielen langen und sehr kalten Tunnel).

Als wir kurz außerhalb der Fahrradpiste unterwegs waren, und ich eine Steigung schwungvoll hinaufradelte, schaltete die Ampel oben auf Rot, das Auto vor mir hielt an und ich versuchte, daran vorbeizufahren, um nicht am Berg anhalten zu müssen. Dummerweise kam mir auf der Gegenspur ein Polizeiauto entgegen. Also musste ich doch irgendwie anhalten und kippte beim versuchten Absteigen, aufgrund des Schwungs und der Schwere des Rades direkt vor dem Polizeiwagen einfach zur Seite. Glücklicherweise halfen mir Passanten auf, denn ich lag wieder mal so hilflos auf dem Boden und dieses Mal unter dem schweren E-Bike begraben. “Tutto a posto, Signora?” fragten die Polizisten, als sie mit abschätzigem Blick langsam an mir vorbeifuhren. Vielleicht fragen sie sich auch, ob diese Fahrradstrecke an ihrer Küste so ein guter Deal war und warum Menschen über 60 nun auch noch E-Bike fahren müssen.
Nun, ich hatte mir, Schutzengel sei Dank, kein Handgelenk gebrochen (ich kenne einen Fall von Ü60-Handgelenksbruch in einer vergleichbaren Situation mit E-Bike) und auch sonst nichts. Nur ein paar blaue Flecken, und das Rad war ein bisschen verbogen, aber das ließ sich wieder zurechtrücken. Einen Moment lang zitterten mir die Knie, aber dann stieg ich wieder auf und sauste der bereits weit entfernten Journalistin hinterher.

Sandstrand und flaches Meer in Arma di Taggia

Falls Sie dieser Ausflug reizen sollte, nur zur Info: Die Strecke Richtung San Remo ist ein bisschen touristischer (alles ist dort touristisch), man teilt sich die Piste auch mit den sogenannten Quadricycles, in denen vergnügte Familien sitzen, Eis essen und mehr oder weniger dynamisch in die Pedale treten. In Richtung Imperia war deutlich weniger los (vermutlich auch, weil derzeit eine Brücke hinter Arma di Taggia gesperrt ist und man ein Stück über die Nationalstraße fahren muss) und dort wurden wir hin und wieder von sportlichen Rennradgruppen überholt.

Übrigens: Nach meinem E-Bike-Umfall mein Fazit: ich werde mir kein E-Bike zulegen! Gerade, weil Cannes so hügelig ist und ich in komplexen Situationen (nicht nur) am Berg nicht mehr schnell genug vom (schweren) Rad springen kann. Immerhin eine Ü60erin, die vernünftig geworden ist.

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Kleine Wanderung im Hinterland

Wir entschieden uns, nicht wie ursprünglich geplant nach Casterino zu fahren, um von dort aus zu einem See zu wandern, sondern eine Wanderung vor Ort zu machen: die zur nur wenige Kilometer entfernten kleinen Kapelle Notre Dame de la Fontaine. Man kann auf verschiedenen Wegen dorthin gelangen.

Wir wählten die einfache sechs Kilometer lange Wanderung auf halber Höhe oberhalb der Straße mit nur etwa 250 Metern Höhenunterschied, insbesondere wegen meiner doch nicht ganz beweglichen Knie. Diese Wanderung hätte ich alleine sicherlich nicht gemacht. Wir brauchten auch nicht die im Wanderführer angegebenen eineinhalb Stunden, sondern (mit Fotostopps und Picknickpause) knapp vier Stunden. Das war aber nicht schlimm, denn die Kapelle ist in der Nebensaison nur nachmittags geöffnet und wir kamen somit gerade richtig.

Hier wachsen Orchideen
und Thymian und Bohnenkraut (Sariette)

Die Wanderung verläuft über einen schmalen Waldweg, sodass man die meiste Zeit im Schatten läuft – Gott sei Dank, denn es ist in den letzten Tagen überraschend heiß geworden. Man muss ausreichend Wasser mitnehmen, denn es gibt unterwegs keine Wasserstellen. Das plätschernde Bächlein am Ende sieht zwar verlockend klar aus, ist aber kein Trinkwasser, da oberhalb Schafe und Kühe weiden, die dort nicht nur trinken, sondern auch hineinpullern.

In Notre Dame de la Fontaine gibt es also leider keinen Brunnen, wie der Name verheißungsvoll ankündigt, aber jede Menge Fresken.

Die Kapelle wird auch „die Sixtinische Kapelle der Alpen” genannt, da sie vollständig mit Fresken ausgemalt ist. Diese zeigen Szenen aus dem Leben Marias und Christi sowie das Jüngste Gericht. Sie stammen von Giovanni Canavesio und wurden im 15. Jahrhundert geschaffen. Die in kräftigen Farben gehaltenen Darstellungen sind wirklich beeindruckend, geradezu modern und expressiv.

Hier in der Mitte das Ende von Judas, dem der Teufel die Seele (aus den Eingeweiden heraus) raubt. Sehr drastisch. Die Szenen des Jüngsten Gerichts sind auch sehr eindrücklich. Die habe ich aber nicht mehr fotografiert, weil ich überraschend mit dem kleinen Bus zurückfahren konnte, mit dem die sehr nette Dame des Office de Tourisme gerade eine Gruppe Touristen zur Kapelle gebracht hat. Die sechs Kilometer auf und ab haben mich an meine Knie-Grenze gebracht.

Ich bin trotzdem ziemlich stolz auf meine Leistung und gönne mir im schattigen alternativen Garten des Lädchens, wo wir gestern schon die Abendsonne genossen haben, ein Stück Heidelbeerkuchen. Die Journalistin geht tapfer zu Fuß zurück.

Am nächsten Tag fahren wir auf die italienische Seite.

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Vier Tage im Hinterland

Sospel

Wie Sie wissen, sieht die südfranzösische Welt nur knapp zwei Stunden entfernt von Cannes und der Côte d’Azur ganz anders aus. Die Rede ist vom Hinterland, dem Arrière-Pays, das ich sehr liebe und das ich der Journalistin nahebringen wollte. Wir ließen also die Goldene Palme den anderen und kurvten zunächst hinauf ins Roya-Tal, über Sospel, Saorge, La Brigue und Tende. Hier war ich das letzte Mal vor fünfzehn Jahren.

Eigentlich hatten wir den kleinen Wintersportort Casterino in der Nähe von Tende als Ziel gewählt, von dem aus man im Sommer zu diversen Wanderungen starten kann. Das gewählte Hotel (ein hübsches Chalet mit einem gewissen Standard), in dem ich schon im März versucht hatte, Zimmer zu reservieren, hatte sich allerdings weder auf meine Reservierung, meine Anrufe noch meine Mails gemeldet. Das Office de Tourisme vor Ort, das ich irgendwann zurate zog, entschuldigte sich, sagte, das Hotel öffne etwas später im Jahr, und versprach mir, dass es bestimmt noch klappen würde. Ich hinterließ immer wieder Nachrichten auf dem Anrufbeantworter und vertraute auf die südfranzösische Spontanität. Aber eine Woche vor unserer Abreise war das Hotel immer noch geschlossen. Das Office de Tourisme sandte mir freundlicherweise eine Auswahl anderer Übernachtungsmöglichkeiten im Umkreis. Ich rief sie der Reihe nach an, nur um festzustellen, dass unser gewähltes Wochenende das Pfingstwochenende war und die Auberges und Hotels so gut wie ausgebucht waren. Dem Wirt der Auberge in La Brigue, der sagte, er habe noch zwei Zimmer frei, bin ich quasi durchs Telefon um den Hals gefallen.

La Brigue wird also unser Quartier. Zunächst besichtigen wir jedoch Saorge, ein langgezogenes Dorf, das am Berg klebt, und dessen parallel zum Berg verlaufende enge Gassen sich ineinander verflechten. Dazwischen führen Treppen nach oben und unten. Alles wird hier zu Fuß transportiert, die Autos bleiben außerhalb des Dorfes stehen.

In Saorge gibt es sogar eine Buchhandlung, in der man auch Brot bestellen kann – vermutlich, weil es keinen Bäcker gibt (ich habe zumindest keinen gesehen). Denn ja, der Mensch lebt nicht vom Buch allein. Eine der vielen Kirchen wird als Stadtbibliothek genutzt. Ein besonderer Arbeitsplatz, der aber nur im heißen Sommer wirklich angenehm ist. Die restliche Zeit sitzt die Bibliothekarin immer dicht an der Heizung, wie sie uns erzählt. Ich finde es rührend, dass die Kinderbücher vor dem Marienaltar angeordnet sind. Die Krimis und Erwachsenenliteratur befinden sich im hinteren Teil der Kirche und sind zusätzlich durch einen Vorhang getrennt.

In dem ehemaligen Franziskaner-Kloster am Ortsende (mit wunderschönem Garten) können Schriftsteller und Künstler für vier Wochen in Ruhe arbeiten.

Selbstverständlich muss man sich dafür bewerben und ist während des Aufenthalts dazu verpflichtet, dem Kloster und den Dorfbewohnern etwas von seiner Arbeit zu zeigen – entweder, indem man aus seinem Text vorliest, oder indem man ein Kunstwerk zeigt: In den Tiefen des Klosterkellers hat der Künstler Georges Rousse einen goldenen Kreis, eine Lux Aurea geschaffen.

Die (das?) „Lux Aurea“ besteht aus vergoldeten Kupferblättern, die an den Wänden, Böden und Gewölben des Raumes angebracht sind. Befindet sich der Betrachter an einem ganz bestimmten Blickpunkt, nimmt das Werk die Form eines goldenen Kreises an, der zugleich an den Heiligenschein des Heiligen Franziskus und an die Sonnenscheibe erinnert.

Wir essen eine Kleinigkeit im Bistro der Petite Épicerie und fahren dann weiter nach La Brigue. Tende, das eigentliche Highlight des Tages, zumindest halte ich es bislang dafür, sehen wir nur kurz von außen an. Es sind, das merke ich schon, zu viele Dörfer für die Journalistin.

Blick aus dem Rückspiegel auf Tende

La Brigue liegt abseits der kurvigen Bergstraße und ist ander als Saorge noch ein richtiges Auto-Dorf (zumindest im unteren flachen Teil, durch die engen Gassen kommt dann auch kein Auto mehr). Auf allen Plätzen des Dorfes parken Autos, wir stellen unseres dazu. Vor fünfzehn Jahren haben wir hier nur kurz gehalten, und ich habe noch italienische Inschriften an Hausfassaden entdeckt, die jetzt kaum noch vorhanden sind.

La Brigue und die anderen Dörfer des Royatals liegen nah an der italienischen Grenze. Sie waren während des letzten Kriegs umkämpft und von Italien besetzt. La Brigue blieb bis 1947 italienisch, danach wurde in einer Volksabstimmung entschieden, dass man wieder zu Frankreich gehören wolle.

Das sehr nette Paar, das die Auberge führt, ist auch binational, sie ist Italienerin, er Franzose, er kocht mit italienischem Einfluss und macht seine vielfältige Pasta selbst. Die Auberge liegt an einem der Plätze des Dorfes, man hat drei mittelalterliche Häuser zusammengefügt und zu den Zimmern geht der Weg durch enge Flure und Türen von einem Haus ins andere und steile Treppen hinauf. Die Zimmer sind einfach, aber groß, zumindest für französische Verhältnisse, haben je ein eigenes Bad, und die Betten haben guten Matratzen.

Blick aus dem Fenster vom Bett aus

In La Brigue, das im Reiseführer als ein Dorf voll bröckeliger Fassaden beschrieben wird, finden sich nicht nur überraschend viele Autos sondern auch Menschen, Einheimische und Touristen. Es ist eine sehr lebendige Stimmung in der Abendsonne auf dem Platz vor der Auberge und entlang des kleinen Flusses, wo ein alternatives Lädchen kleine Speisen und von Prosecco über Bio-Limonaden allerhand Überraschendes anbietet.

Und ja, es gibt graue und bröckelnde Fassaden, manches Haus gleicht einer Ruine, gleich daneben aber gibt es zu bunten Schmuckstücken herausgeputzte Häuser, und man ahnt etwas vom Reichtum und der großen Zeit dieses Dorfes, das an der Salzroute liegt und seinerzeit Geld mit den besonderen La Brigue-Schafen und ihrer Wolle erwirtschaftet hat. Im ganzen Dorf hängen Fotos von früher, und schon allein die Tatsache, dass es so viele Fotos vom Dorf, von Festen, der Arbeit und den Menschen gibt, zeigt, dass es ein reiches Dorf war.

Zum Vergleich: Von “meinem” Bergdorf gibt es ein einziges Foto von “früher” – ein paar Frauen stehen um den Brunnen – und niemand weiß, wer die Frauen sind, von wann das Bild stammt und wer es aufgenommen hat.

Oberhalb des Dorfes gibt es eine Burgruine und dahinter erstrecken sich die Gärten der Einwohner.

So viel für eben. Am nächsten Tag machten wir eine Wanderung.

Ich hoffe, dass ich davon morgen noch berichten kann, denn am Montag fliege ich wieder nach Deutschland – aber ich will versuchen, die kleine Reisebeschreibung fortzusetzen.

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Klatsch und Tratsch aus Cannes

Gestern Morgen drückte man mir an einer Straßenecke die “Gala-Croisette” in die Hand, die sie während des Festivals täglich herausbringen. Ein fettes und schweres Hochglanzmagazin mit großformatigen Schaupielerfotos, Infos über die an diesem Tag aktuellen Filme und viel Werbung für teure Autos, Schmuck, Parfüms und “places to be”.

Es wird auch jeden Tag die oder der stilvollste Star mit einer Sonderseite “La Palme du Glam” gekürt. Gestern war es Coco Rocha, die im Hotel Carlton residiert. Sie trägt ein Vampirhaftes schwarzes Samtoutfit von Gaurav Gupta, einem indischen Avant Garde Couturier.

Beide kann man vermutlich nur kennen, wenn man fest mit der Welt der Mode und des Luxus verwoben ist. Leider habe ich “Der Teufel trägt Prada Teil 2” gerade verpasst und bin daher nicht im Bilde. Im oben verlinkten Wikipedia Artikel zu Coco Rocha steht, dass sie zu den Zeugen Jehovas gehört – das verstehe, wer will.

Mir sind dieses Jahr weniger dramatische Outfits aufgefallen, vermutlich, weil ich zu viel anstand (und anstehe) um in die Quinzaine-Filme zu kommen und weniger darauf achte, was auf dem Roten Teppich so los ist. Mir entgehen auch die wichtigen Infos über Filme, Fjord, zum Beispiel. Ein Film des rumänischen Filmemachers Cristian Mungiu (der übrigens 2002 erstmals in der Quinzaine vertreten war und seit 2007 mehrfach mit Filmen im Offiziellem Wettbewerb um die Goldene Palme dabei ist), in dem eine konservative rumänische Einwandererfamilie in Norwegen in Konflikt mit den norwegischen Behörden gerät, die deren konservative Kindererziehung (tägliche Gebete, keine Smartphones) missbilligen.

Immerhin habe ich aus dem Augenwinkel Isabelle Huppert gesehen, die sich dieses Jahr in einem massiven schwarzen Lederkleid gekleidet plump wie ein Zombie bewegte. Viel eleganter Carla Bruni, die “weißen Tiger” wagte (laut Pure People). Ich finde, es sieht eher nach Zebra aus, aber was weiß ich schon.

Hier noch ein paar Eindrücke aus den Schaufenstern der Croisette.

Leider ist hier die Spiegelung zu dominant. Aber diese Outfits haben mich echt beeindruckt in ihrer urbanen Hässlichkeit und das neben all den Glitzerkleidchen in den Schaufenstern rechts und links.

Interessant fand ich den in der Gala veröffentlichten Briefwechsel von 1962 zwischen der Metro Goldwyn Mayer Filmgesellschaft und dem damaligen Präsidenten des Filmfestivals über die nicht bezahlten Rechnungen von Nathalie Wood und ihrem damaligen Geliebten Warren Beatty.

Beide logierten vier Nächte im Carlton in getrennten aber “kommunizierenden” Zimmern und waren abgereist, ohne die Rechung von umgerechnet etwa 4000€ zu bezahlen. Die M.G.M. lehnt es ab, die Summe zu übernehmen, da Nathalie Wood persönlich vom Palais des Festivals eingeladen worden war, und sie bislang keinen Film bei der M.G.M. gemacht habe. Von Warren Beatty, der sich uneingeladen mit im Reisegepäck von Nathalie Wood befunden habe, gäbe es nur einen Film bei der M.G.M. Die Gesellschaft fühle sich nicht zuständig für diese Kosten.

Die M.G.M. kann sich nicht verkneifen, darauf hinzuweisen, dass sie auf dringende Bitten des Palais des Festivals interveniert habe, damit Nathalie Wood nicht schon nach drei Tagen, in denen sie ihr Zimmer nicht verlassen habe, wieder abreise, sondern verlängere, um unbedingt noch an einem Dinner mit dem Bürgermeister von Cannes teilzunehmen.

Anscheinend haben sich die Herren dann in einem persönlichen Gespräch geeinigt, die Kosten jeweils hälftig zu übernehmen. Nathalie Wood und Warren Beatty trennten sich nach drei Jahren “tumultöser” Beziehung. Wie ich dem Wikipedia Artikel entnehme, ist Nathalie Wood später unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen. Ihre Töchter verdächtigten den Ehemann und Vater, sie ermordet zu haben.

Kommen wir zurück in den Alltag der kleinen Stadt am Meer. Es werden immer noch Filme gezeigt und Einladungen gesucht

und die Eispreise dieses Jahr stehen bei schlappen 4,50€ pro Kugel.

So viel für heute!

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Harlem in Cannes

Gestern Abend habe ich mir den Film „Once Upon a Time in Harlem” angesehen, eine Dokumentation über die „Harlem Renaissance”, die erste intellektuelle Bewegung schwarzer KünstlerInnen, SchriftstellerInnen und MusikerInnen in den 1920er und 1930er Jahren in New York, genauer gesagt in Harlem. William Greaves filmte 1972 eine Cocktailparty im Hause Duke Ellingtons und lässt all die inzwischen alten und sehr alten Damen und Herren aus ihrem Leben und ihrer großen Zeit erzählen. Man nannte sie auch die „New Negro-Bewegung“ – „Negro“ sagen die meisten noch vollkommen ungerührt, wenn sie von sich sprechen. „Negro“ war in den Siebzigern schon verpönt, man sagte jetzt „Black“ oder „Afro-American“, doch sie waren es nicht gewöhnt, anders von sich zu sprechen, und blieben bei diesem Ausdruck. Sie erzählen von sich und erinnern an andere, deren Gedichte oder Songs sie rezitieren. Oder sie geben Textpassagen wieder, die sie vor 40 Jahren für einen Film gelernt haben.

Wir tauchen dabei tief ein in die Zeit der Rassentrennung. Man habe ihnen bei Empfängen nicht die Hand gegeben, und um das beschämende Gefühl zu vermeiden, reichten sie einem weißen Gesprächspartner nie zuerst die Hand. Menschen seien aus dem Aufzug ausgestiegen, wenn sie hineinkamen. Und wenn sie in einem Restaurant essen wollten, musste ein weißer Freund den Tisch reservieren, ihn bereits besetzen und so wichtig sein, dass er im Lokal durchsetzen konnte, dass sie mit ihm dort essen durften. Ein Mann erzählt, sein Vater sei als erster Schwarzer in ein Verwaltungsamt gewählt worden, aber er konnte sein Amt nie ausüben, weil die Weißen es nicht zuließen. Er wurde vom Ku-Klux-Klan bedroht und trug vorsichtshalber immer zwei Waffen bei sich.

Fotos von ihrem jüngeren Ich werden eingeblendet. Sie sind stolz und dankbar, dass William Greaves sie filmt und so die Harlem Renaissance dokumentiert. Die Harlem Renaissance war eigentlich keine Renaissance (also keine „Wiedergeburt”), sondern eine Naissance (Geburt). Der Film erinnert mich von der Stimmung her ein wenig an „Buena Vista Social Club”, nur dass wir es hier in erster Linie mit SchriftstellerInnen, Produzenten, Verlegern, Buchhändlerinnen und bildenden KünstlerInnen zu tun haben und die gesamte Dokumentation sprachlastig ist. Es wird viel erzählt, und es gibt leider nur wenige und kurze Musikeinspielungen, was den Film etwas anstrengend macht. William Greaves hat den Film nie zu Ende bearbeitet; dies hat erst sein Sohn David Greaves jetzt getan. Dieser war mit seiner Familie anwesend. Den Film mit ihnen zusammen zu sehen, macht ihn noch einmal zu etwas Besonderem. Der Applaus war lang und kräftig. David Greaves war sichtlich gerührt, was wiederum das Publikum zu noch mehr Applaus stimulierte.

(c) Screenshot der Quinzaine

Bisschen Musik aus der Zeit. Vielleicht müsste man auch den Film Cotton Club noch einmal ansehen, aber vielleicht ist er auch ein wenig in die Jahre gekommen, dachte ich zumindest, als ich den Trailer gerade nochmal angesehen habe.

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Immer noch Filme in Cannes

Die Journalistin hat sich erneut sportlich für den Film „Heimsuchung” von Herrn Schlöndorff angestellt, ihn sich angesehen und Herrn Schlöndorff (der bereits 87 Jahre alt ist) interviewt. Bravo.

Die Kritiken (hier die von Katja Nicodemus in der ZEIT mit ein paar weiteren Eindrücken von Cannes) sind durchweg freundlich. Es sei eine solide Literaturverfilmung (nach dem Roman von Jenny Erpenbeck) und vermutlich der Film, den man eigentlich letztes Jahr schon erwartet hatte, als die Kritiker in Cannes Martha Schilinskis “In die Sonne schauen” gehypt haben, und den dann kaum jemand verstanden geschweige denn gemocht (mich eingeschlossen) hat. Es geht wieder um ein Haus, dieses Mal am See, das mit seinen wechselnden Bewohnern hundert Jahre deutsche Geschichte erlebt: Weimar, das Dritte Reich, Krieg, DDR und Mauerfall. Ich werde ihn mir bestimmt ansehen, wenn er in die französischen Kinos kommt.

Ich hingegen habe heute Morgen mit einer Freundin den Film „Shana“ gesehen, der als Comédie-Drama beworben wird. Im Trailer wirkt der Film witzig, obwohl er das gar nicht ist. Shana ist eine junge Frau, die Konflikte mit ihrer jüdischen Herkunftsfamilie hat und in einer ebenso konfliktuellen und gewalttätigen Beziehung mit einem Drogendealer lebt. Dieser sitzt allerdings gerade im Gefängnis und Shana führt seine Geschäfte mehr schlecht als recht. Als ihre Großmutter überraschend stirbt, hinterlässt sie Shana einen Ring, der ihr Glück bringen soll. Als Shana den Ring leichtfertig verkauft, häuft sich das Unglück.

Der Film war für mich nicht leicht auszuhalten. Die Geschichte, die kein Happy End hat, fand ich durchgängig trist, auch wenn mein deutlich jüngerer Sitznachbar hier und da herzlich lachte. Die ausschließlich vulgäre Sprache machte es nicht besser.

Ein paar Menschen verließen den Film vorzeitig und es gab sehr wenig Applaus.

Zum Essen trafen wir uns mit Monsieur im Caveau 30, einem klassischen französischen Restaurant mit ausgebildeten KellnerInnen und gestärkten Stoffservietten in der Rue Felix Faure, einer der Restaurant-Flaniermeilen. Um uns herum saß nur Festival-Publikum, die Menükarten waren auf Englisch, aber die Sonne schien und wir genossen den Trubel, das Zusammensein und das Essen.

Wir verbrachten einen dösigen Sonntagnachmittag und jetzt gibt es “Anatomie d’une chute” (Anatomie eines Falls) im Fernsehen. Der Film von Justine Triet mit Sandra Hüller, der 2023 die Goldene Palme in Cannes gewonnen hat.

So viel für heute. Bis morgen!

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Cannes kann sehr kalt sein – oder: Schlange stehen am Tag der Kalten Sophie

Gestern Morgen um 11 Uhr stand ich Schlange für den Film “Gabin”, eine französische Dokumentation, gefördert unter anderem vom SWR und Arte. Glücklicherweise war ich sehr früh da, so dass ich im Innenraum neben der Kinokasse stehen konnte. Von den Menschen, die draußen anstanden, kamen immer wieder welche, die fragten, ob man denn nicht schon rein dürfte, es sei so kalt und windig. Am 15. Mai ist der Namenstag von Sophia von Rom, eine der “Eisheiligen” (Sie wissen schon Servatius, Mamertus, Pankratius) und wird gemeinhin die “Kalte Sophie”genannt. Sie macht ihrem Namen heute alle Ehre. Etwas oberhalb von Grasse, knapp dreißig Kilometer Luftlinie von hier, in der kleinen Skistation Gréolières, hat es geschneit.

Aber nein, wir kamen nicht früher rein, hier ist alles so eng getaktet, im Saal lief noch der Film von 8.30 oder 9 Uhr, so genau weiß ich es nicht. Die Menschen werden (wir später auch) aus dem Notausgang aus dem Kino in die Fußgängezone geschleust, während von vorne dann die nächsten in den Saal hereinströmen. Punkt 11.30 Uhr geht es los, zwei Zuspätkommer werden noch ein paar Minuten bereits im Dunkeln auf die letzten leeren Plätze gelotst, dann ist die Stimmung im Saal ruhig und konzentriert. Die Jury ist mit ihm Saal und sitzt zwei Reihen hinter mir. “Gabin” ist ein sogenannter Coming-of-age-Film eines Jungen im landwirtschaftlichen Milieu, der zwischen der, vom Vater mit viel Druck geforderten, Übernahme der Metzgerei steht und seinem Wunsch, den Hof der Mutter, der alles andere als rentabel ist, zu übernehmen. Ich habe eine Schwäche für das landwirtschaftliche Milieu, das wissen Sie. Aber das echte Landleben ist, anders als es die vielen Hochglanzmagazine seit ein paar Jahren versprechen, alles andere als romantisch. Der Filmemacher hat den Jungen und seine Familie zehn Jahre lang begleitet und war nah dran an den Menschen und ihren Konflikten. Wie Gabin mit dem Druck der Eltern lebt und schließlich seinen eigenen Weg findet, hat mich sehr und stellenweise zu Tränen gerührt. Ich war beeindruckt und habe mich nicht eine Minute gelangweilt. Es gab viel Applaus.

Der Wind schüttelt den ganzen Tag die Bäume und wühlt das Meer auf. Ich hatte Zweifel, ob der Abendfilm am Strand im Programm Cinéma de la Plage überhaupt gezeigt werden kann; ich ziehe mich mehrschichtig warm an, nehme zusätzlich eine weitere Strickjacke und einen Wollschal mit und gehe um Viertel nach Acht los. Die Journalistin, die vor zwei Tagen noch ungläubig das Schlangestehen ansah und meinte, das würde sie nicht machen, steht bereits seit Acht Uhr in einer Last-Minute-Schlange, für die 22 Uhr Vorstellung von “Gentle Monsters”, den Film der Österreicherin Marie Kreutzer mit hochkarätigen Schauspielern (Léa Seydoux, Catherine Deneuve).

Mir hat übrigens eine Leserin aus Australien diesen Link aus der FR geschickt. Man muss sich (kostenlos) registrieren, um den Beitrag lesen zu können. Unter anderem mit einer (vernichtenden) Kritik zu “Gentle Monsters”.

Als ich an der Croisette ankomme, kann ich meinen Augen nicht trauen – die Schlange für den Film “Les Caprices de L’enfant Roi”, eine Kostümfilm-Komödie, ist bestimmt einen Kilometer lang, ich laufe sie erst in die eine Richtung, um zu ihrem Ende zu kommen und dann in die andere Richtung schrittweise wieder zurück. Der Einlass hat schon begonnen, so viel habe ich verstanden. Und sie haben deutlich mehr Liegestühle aufgestellt als sonst.

Ich habe daher die Hoffnung, dass wir noch hineinkommen und sie in letzter Minute noch weitere Liegestühle aufstellen oder uns einfach so aufs Gelände lassen. Irgendwann sehe ich zumindest das offizielle Eingangsschild, aber die Schlange stockt. Nur sehr zögerlich geht es voran.

Was ich nicht sehe und lange nicht verstehe, ist, dass der Einlass bereits geschlossen ist. Wenn es weitergeht, dann nur, weil Menschen aus der Schlange diese verlassen, um sich anderswo einen nicht offiziellen Platz zu suchen. Irgendwann, als es bereits dunkel ist und die Filmcrew vorgestellt wird, wird mir klar, dass wir definitiv nicht mehr hineinkommen und ich laufe auch hinter das Gelände und sitze dann sehr weit weg von der Leinwand und den Lautsprechern im Sand und im Wind, wegen dem ich mir eine Kapuze über den Kopf ziehe, aber dann höre ich noch schlechter und hole die Ohren unter der Kapuze hervor.

Sieht mich ja keiner im Dunkeln, alle wollen nur den Film sehen. Der zukünftige König Louis der VIX, ein rundlicher, verwöhnter Junge, soll wegen des Aufruhrs des Volkes für einige Zeit aus dem Schloss verschwinden und in Sicherheit gebracht werden. Er landet unter der Obhut von Cyrano de Bergerac in der Theatertruppe von Molière. Im Schloss sitzt derweil ein anderer Junge, der dem jungen König aufs Haar gleicht, aber der Sohn eines Metzgers ist. Das sorgt für Verwirrung, Intrigen und allerhand komische Szenen. Der Film ist leicht, um nicht zu sagen, sehr leicht, aber auch amüsant. Nach etwa der Hälfte aber bin ich komplett ausgefroren und gebe auf. Auf dem Weg zurück finde ich an einer Barriere einen guten und weitestgehend windgeschützten Platz und sehe mir den Rest des Films kurzentschlossen stehend an.

So etwas macht man auch nur während des Festivals, glaube ich. Gegen Mitternacht laufe ich zurück, der nächste Bus käme erst in einer halben Stunde, bis dahin bin ich auch zu Fuß zu Hause und wärme mich beim Gehen immerhin wieder etwas auf.

Die Eisheiligen sind heute vorbei, die Sonne scheint, der Wind hat nachgelassen. Er würde an den Strand gehen, sagt Monsieur, als er die Fensterläden auftößt. Ich gebe kurzentschlossen mein Ticket für die Vormittagsvorstellung zurück und gehe mit an den Strand. Die Wellen sind noch etwas aufgewühlt, aber wir schwimmen trotzdem einen Moment, dann genießen wir die wärmende Sonne.

Und wir sammeln wie immer ein bisschen Müll, heute besonders viele Glasscherben.

Die Journalistin bemüht sich heute um den Film “Heimsuchung” von Volker Schlöndorff und schickt mir zwischendurch ein Foto von Ulrich Matthes.

Was ist sonst noch los? Bei der Vogue las ich, dass Sandra Hüllers fedriges Outfit von Chanel stammt, und dass sie außerdem die neue Botschafterin (“Ambassador”) für Chanel geworden ist. John Travolta, der mit seiner Tochter in seinem eigenen Flugzeug angereist war und einen Film präsentiert, bekam überraschend die Goldene Ehrenpalme für sein Lebenswerk, die er sehr gerührt entgegennahm. Und im edlen Hotel Eden Roc am Cap d’Antibes wird die jährliche amFAR Benefiz-Gala für die Unterstützung der AIDS-Forschung mit Robbie Williams und zwei mir völlig unbekannten jungen Damen vorbereitet. Geena Davis “hosted” die Veranstaltung am 21. Mai. Sie können noch teilnehmen, das günstigste Ticket kostet 17.500€. Wenn Sie am Philantropen-Tisch sitzen wollen, müssen Sie allerdings schon 300.000€ hinblättern. Sie können dann zusätzlich ganz großartige Dinge ersteigern, Uhren, Schmuck oder Kunstwerke. Und mit Scarlett Johannson oder Heidi Klum ein Selfie machen. Die werden nämlich auch da sein. Nein? Dann vielleicht mit Pedro Almadovar und Pamela Anderson. Die sind doch sympathisch!

Bis morgen!

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Cannes – dies und das vom Filmfestival

Die Journalistin wäre am ersten Abend um ein Haar nicht in ihr Hotel gekommen, weil die Rezeption, entgegen der Zusage, dann doch nicht mehr besetzt war. Sie kam nur hinein, weil eine andere Hotelgästin, die spät zurückgekommen ist, sie vertrauensvoll mit hineingelassen hat. Dann gab es keinen Schlüssel zum Zimmer, aber glücklicherweise war ein freies Zimmer offen – es war zwar nicht das, was für sie reserviert war, aber das interessierte um Mitternacht weder die Journalistin und auch sonst niemanden mehr.

Nachmittags trafen wir uns zum Kaffee im Zentrum vor dem Kino Les Arcades, damit ich ihr fast leer gerödeltes Handy mit einer Powerbank auflud. Merke: Ladekabel immer ins kleine Handgepäck! Wir schauten Leute und genossen das Ambiente.

Nachdem schwarze Limousinen vorfuhren, Zeichen für eine der “Montée des Marches” wie man das nennt, wenn die Stars und Regisseure für die Erstausstrahlung ihres Films die rot ausgelegten Stufen des Palais hinaufsteigen, beschlossen wir, uns das näher anzusehen. Soweit man etwas sehen konnte. Eher nicht.

Aber dann klingelte das frisch aufgeladene Handy, die Koffer würden angeliefert, nur kam die Dame mit ihrem Wagen natürlich nicht durch zum Hotel. Sie bat uns, dass wir die Koffer bei ihr abholten, sie stehe auf einem Lieferparkplatz in der Rue d’Antibes und würde zehn Minuten auf uns warten. So hetzten wir durch die Menge, die Journalistin nahm erleichtert ihre Koffer in Empfang, die wir dann zum Hotel rollerten.

Zurück über die Croisette zur Montée des Marches, aber mir reichte es mit dem Gedrängel, ich verabschiedete mich, denn nur knapp zwei Stunden später würde ich schon wieder in die Stadt und zum Théatre Croisette laufen, um dort “Butterfly Jam” zu sehen, den Eröffnungsfilm der Quinzaine über eine tscherkessische Familie, die mehr schlecht als recht ein kleines Restaurant in einer amerikanischen Provinzstadt führt.

Dafür stehe ich kurz vor 21 Uhr an, Einlass ist ab 21.20 Uhr, aber wer zuerst kommt, bekommt die besseren Plätze.

Das schöne Titelbild mit tanzendem Bruder und Schwester trügt. Der Film ist brutaler als ich erwartet habe, ziemlich trist, aber es gibt auch sanfte Momente – eine erste zarte Liebe ensteht, ein Pelikan wird gerettet, ein Mädchen geboren und Monica Belluci sorgt mit ihrem kurzen Gastauftritt für einen Glücksmoment im Leben des sechzehnjährigen Sohnes.

Danach laufen wird durchs nächtliche Cannes, an der Croisette wummert aus allen Strandrestaurants Musik, auch hier muss man eingeladen sein und selbst dann stehen Menschen wieder hunderte von Metern an, um irgendwo hineinzukommen. Ich will nur noch nach Hause und bekomme glücklicherweise einen der letzten Busse um 0.45 Uhr und muss zumindest jetzt nicht mehr laufen. Meine Schritte-App ist trotzdem zufrieden mit meinem neuen täglichen Laufpensum.

Heute dann kein Film, zumindest nicht für mich. Die Journalistin ist spät, aber erfolgreich akkreditiert und steht nun in einer Last Minute Schlange für die Projektion eines der deutschen Filme an: “Vaterland” von Pawel Pawlikowski. Sandra Hüller und Hanns Zischler spielen Erika und Thomas Mann, die durch das Nachkriegsdeutschland reisen. Die Journalistin steht in helles Blau gekleidet zwischen jungen und sehr jungen Menschen, die überwiegend in Schwarz gekleidet sind: Smoking für die Herren, Kleidern und hochhackige Schuhen für die Damen. Das hellblaue Outfit geht durch, die Turnschuhe der Journalistin aber wurden gerügt – so könne man sie nicht hineinlassen. Glücklicherweise hatte sie ihre schicken Schuhe in einer Tasche dabei – die musste sie ultimativ anziehen, bevor sie aufs Gelände zugelassen wurde.

Letztes Jahr hat es deswegen schon einmal einen Skandal gegeben (eine Schauspielerin durfte mit flachen Schuhen nicht auf den roten Teppich) und ich dachte, in diesem Zuge, sei die High-Heels Verordnung sei gestrichen worden, aber anscheinend ist dies nicht der Fall.

Sandra Hüller trug vermutlich High Heels.

Sandra Hüller mit Ko-Star August Diehl und Regisseur Pawel Pawlikowski (r.) bei der Premiere des Films. © Millie Turner/Invision/AP/dpa | Millie Turner
Bild: Agata Grzybowska/Mubi/AP Photo/picture alliance

Ich hingegen war heute Nachmittag spazieren und sehe Cannes heute nur von oben.

In La Croix des Gardes war es wohltuend leer, nur ein paar Hundebesitzer drehten ihre Runden. Der Wind ist allerdings heftig, ich hoffe, bis morgen hat er sich gelegt, da würde ich gerne abends einen Film am Strand sehen.

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12 von 12 im Mai 2026

Heute ist der 12. Es gibt 12 Bilder vom Tag. Und da das Filmfestival heute Abend beginnt, geht es direkt und indirekt viel darum. Aber erstmal stehe ich auf und mache ein Foto mit dem Blick aus dem Fenster. Der Himmel ist knallblau, es ist sehr windig: Mistral!

Dann bekomme ich die Nachricht, dass die Journalistin, die ich heute früh am Flughafen abholen soll, ihren Flieger verpasst hat. Sie versucht, den nächsten Flieger zu bekommen, wird aber erst, das kann ich jetzt schon verraten, den Flieger heute Abend bekommen, alle anderen sind ausgebucht, alle wollen nach Cannes.

Ich frühstücke erst einmal, doch das Bild wird unscharf. Bilder von Kaffeetassen und Müslischalen sind allerdings auch nicht besonders interessant. Wir konferieren hin und her. Sie wird voraussichtlich gegen 18:15 Uhr ankommen. Die Übertragung der Eröffnungsgala beginnt um 19 Uhr im Kinokomplex Cinéum in Cannes la Bocca. Dafür habe ich uns Karten reserviert. Das alles bei bestem Berufsverkehr und zusätzlich Festivalstaus – wir werden es nicht schaffen. Ich brauche einen Moment, um mich davon zu erholen, dass ich es trotz aller vorausschauenden Organisation jetzt nicht oder zumindest nicht vollständig sehen werde. Aber es ist ja alles nicht lebenswichtig, das muss ich mir immer wieder sagen. Es ist nur ein bisschen gehyptes Trallala auf einem roten Teppich. Aber ich bin dieses Jahr so richtig im Festivalfieber und es bekommt eine ungeheure Wichtigkeit. Ausatmen. Einatmen.

Immerhin sitze ich so pünktlich um 10 Uhr zur Filmreservierung der Quinzaines für den Samstag vor dem PC und erhalte zwei Karten für den Film und die Uhrzeit meiner Wahl: „Le journal d’une femme de chambre”, ein Remake des mehrfach verfilmten Stoffes „Tagebuch einer Kammerzofe” – dieses Mal aus der Sicht einer rumänischen Dienstmädchens.

Dann mache ich mir die Fingernägel.

Währenddessen gibt es groben Baulärm vor dem Haus. Wir stellen fest, dass Handwerker dabei sind, die Mauer, die uns vom Nachbargrundstück trennt, einzureißen. Wir brüllen uns ein bisschen mit dem tätigen Handwerker an und verlangen die Baugenehmigung zu sehen. Die hat er natürlich nicht, aber er erklärt uns brüllend, was ihm dort zu tun aufgetragen ist. Ob wir das jetzt verstanden haben. Wir brüllen zurück, dass wir das sehr wohl verstanden haben, aber bitte dennoch die Baugenehmigung sehen wollen, ob er das verstanden habe. Er telefoniert herum und steigt erstmal von der Mauer herunter, wir hören ihn später etwas im Inneren des Gebäudes demolieren.

Schon ist es Zeit fürs Mittagessen. Es gibt (von gestern) selbst gemachte Petits farcis: mit Hackfleisch gefüllte frische runde Zucchini mit Reis und Tomatensoße. Salat, Käse und frische Ananas.

Später fahre ich Monsieur zum Bridge. Gestern war der übliche Weg über die Schnellstraße schon extrem verstopft, – während des Festivals sind so viele zusätzliche Menschen und Autos in der Stadt -, so dass wir es heute über kleine Nebenstraßen versuchen. Werden dort aber von Gerüstbauern und dem Transporter eines Müllcontainers ausgebremst.

Wieder zurück (von einem weit entfernten Parkplatz, den ich unter normalen Umständen verschmäht hätte, der jetzt aber das beste ist, was ich bekomme) laufe ich an intensiv duftenden Jasminhecken vorbei. Immer auch das Positive sehen, n’est-ce pas.

Zuhause fange ich schonmal an, hier zu schreiben, damit es heute Abend nicht so spät wird.

Um Viertel vor fünf gehe ich los, bis ich auf der Autobahn bin ist es Viertel nach fünf und dann zieht es sich mit zähflüssigem Verkehr bis zum Flughafen. Ich komme um Viertel nach Sechs gerade so an. Der Flieger ist zwar pünktlich gelandet, aber natürlich dauert es mit dem Gepäck. Ich warte mit vielen Herren (und einer Dame), die bei jedem Öffnen der Türen Kartons oder Tabletts hochhalten, auf denen man Namen wie “Mrs Kim” oder “Mr Smith” lesen kann.

Alle haben irgendwann ihren Gast in Empfang genommen, nur ich nicht. Ich lese das Internet leer und sehe mir an, was ich gerade verpasse.

Ich rechne, ob wir es wenigstens für die Vorpremiere des Eröffnungsfilms schaffen könnten, der beginnt etwa um 20 Uhr. Aber leider ist das Gepäck der Journalistin in Frankfurt geblieben, und sie muss natürlich vor Ort noch eine Suche veranlassen, all das dauert. Kurz nach Acht ist sie endlich da, ohne Gepäck und zu spät für was auch immer, wir fahren Richtung Cannes und essen dann in Golfe Juan bei einem Libanesen mit Blick auf den Jachthafen.

Trotz vieler Gäste ruhiges Ambiente, das Essen ist fait maison, gut und nicht zu teuer. Wir quatschen lange, es wird ein netter erster Abend, wenn auch anders als gedacht. Dann fahren wir weiter nach Cannes, aber natürlich ist die Straße zum Hotel gesperrt, die Croisette ebenfalls. In der Stadt ist es wuselig und laut, überall festlich gekeidete Festivaliers, wir verabreden uns für morgen Abend zum ersten Film der Quinzaine, dann springt sie aus dem Auto und läuft die letzten hundert Meter zum Hotel, aber ohne Gepäck läuft es sich ja sowieso leicht.

Ich fahre nach Hause und finde, dem Universum sei Dank, einen Parkplatz nicht allzuweit weg. So viel für heute. Danke fürs Lesen und Schauen und gute Nacht!

Hier noch eine Zugabe, weil die Abendstimmung am Meer so schön war.

Die anderen 12 von 12er finden Sie wie immer und dankenswerterweise bei Caro vom Blog “Draußen nur Kännchen”.

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Dies und das Anfang Mai

Turteltäubchen

Ich habe eine neue Freundin: eine kleine Turteltaube. Vermutlich ist sie von dem Turteltaubenpärchen, das jahrelang in unserem Vorgarten lebte – oder zumindest immer wieder dort zu Gast war. Jetzt ist die andere Taube nicht mehr da. Diese hier kommt jedes Mal angeflogen, wenn ich nachmittags die Balkontür öffne und meinen Kaffee halb drinnen, halb draußen genieße – meistens steht auf dem Balkon ein Wäscheständer. Dann sitzt sie auf dem Geländer, leistet mir Gesellschaft, blinzelt mir zu und trippelt von rechts nach links und wieder zurück. Lieb, oder?

Weniger lieb war die Seemöwe, die mir vor unserem Küchenfenster das Fleisch fürs Mittagessen geklaut hat. Ich hatte es zum Auftauen in der Sonne auf die Fensterbank gestellt. Man hat ja schon allerhand Videos gesehen, in denen Seemöwen Menschen die Sandwiches aus der Hand reißen, aber es ist doch noch einmal etwas anderes, wenn es einem selbst passiert. Die Fensterbank, die mir oft als Platz zum Auftauen oder Abkühlen von Speisen diente, ist also fürderhin tabu, ebenso der Gartentisch. Wenn besagter Möwe der Ort jetzt bekannt ist, will ich sie und ihre Freundinnen schließlich nicht gleich wieder einladen.

Monsieurs Tochter erzählte, dass sie einmal den Tisch auf der Terrasse gedeckt und diverse Häppchen (Schinken, Melone etc.) für den Aperitif bereits nach draußen gestellt hatte. Als sie mit den Gästen auf die Terrasse kam, war alles verwüstet und das Essen war verschwunden. Seitdem wird das Essen erst auf der Terrasse serviert, wenn die Gäste bereits da sind. Außerdem wird Essen (Grillgut zum Beispiel) nicht mehr unbeaufsichtigt gelassen.

Promenade des Anglais, Nizza

Was ich alles noch erzählen wollte – Ausflüge, Lesung in Nizza, Bergdorf, Schwimmen – im Text verstreut ein paar Symbolbilder – kommt vielleicht ein anderes Mal, denn jetzt beginnt gleich das 79. Filmfestival und ich werde erstmals (fast) richtig involviert sein.

La Baie des Millionaires, Cap d’Antibes

Ich bin zwar nicht akkreditiert, habe mich aber für die Quinzaine des Cinéastes eingeschrieben. Das ist eine der Parallelveranstaltungen der Sélection Officielle. Es gibt noch andere parallele Filmveranstaltungen, aber nur die Quinzaine des Cinéastes (früher Quinzaine des Réalisateurs) sind für nicht akkreditiertes Publikum zugänglich. Das mache ich dieses Jahr, weil ich eine deutsche Journalistin begleite, die zum ersten Mal zum Festival kommt. Sie will unter anderem darüber schreiben, wie die Einwohnerinnen und Einwohner von Cannes am Festival teilnehmen oder teilnehmen können. Sie hat mich ein bisschen geschubst, damit ich mich auch um die Quinzaine bemühe. Und so habe ich mich dieses Jahr durch die unübersichtliche Homepage gekämpft, denn man muss sich natürlich erst einschreiben, ein Konto eröffnen und einen Ticketpass für 40 € für sechs Filme erwerben. Danach kann man die Filme, die man sehen möchte, reservieren. Die Filme werden tageweise und immer vier Tage vor der Ausstrahlung morgens zur Reservierung freigegeben. Sie laufen an unterschiedlichen Orten in Cannes von morgens neun bis abends elf Uhr. Man muss also erstens wissen, was man von den knapp dreißig Filmen (Spielfilme, Dokus, Animationsfilme, Kurzfilme) sehen will, über die es nur ein oder zwei kurze Sätze in der Broschüre zu lesen gibt. Und dann muss man superschnell sein, um den Film zu einer möglichst komfortablen Zeit an einem möglichst zentralen Ort sehen zu können. Wenn man es nicht geschafft hat, wird empfohlen, immer wieder und auch eine Stunde vorher noch einmal nachzuschauen, ob für einen ausgebuchten Film doch ein Platz frei geworden ist. Man kann nämlich Tickets reservieren und kurzfristig wieder zurückgeben. Das war mir in den letzten Jahren alles zu kompliziert und vor allem zu aufwändig.

Blick aus dem Fenster des CCFA, Nizza
Lesung Benedict Wells im CCFA, Nizza

Die Quinzaine des Cinéastes, die nach der 68er-Bewegung als Kontrastprogramm zum klassischen Festival von Cannes gegründet wurde und damals zumindest eine Art Gegenfestival mit unbekannten Filmemachern war (“Cinéma de liberté”), wirbt damit, eine feine Nase für besondere Filme zu haben, die für die offizielle Sélection zu ausgefallen sind. Jim Jarmusch wurde beispielsweise bei den Quinzaines entdeckt.

Ich habe mir jetzt also ein paar Filme ausgesucht, die mich interessieren und die nicht zu gewalttätig sind – ich werde ja immer sensibler und habe keine Lust, traumatisiert aus dem Kino zu kommen.

Apropos traumatisiert: Das diesjährige Plakat der Quinzaine zeigt einen dicken, nackten Mann in einem Busch. Ein Bezug zum Exhibitionismus ist natürlich nur meiner überbordenden Fantasie zu verdanken und bestimmt nicht gewollt. Schrecklich. Wer entscheidet so etwas?

Ich zeige es hier vorsichtshalber auch nur ganz klein, damit Sie sich nicht erschrecken. Und damit Sie das offizielle Plakat des Filmfestivals umso besser genießen können: Es zeigt Susan Sarandon und Geena Davis als Thelma & Louise, und ich finde es toll!

Ich werde berichten, so hoffe ich doch!

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Ganz unten –

Ganz oben – über Frankfurt

Nein, ich schreibe heute nicht über Günther Wallraff – oder doch, indirekt vielleicht. Ich schreibe heute darüber, dass ich in letzter Zeit schon mehrfach hingefallen bin und dass ich alleine nicht mehr aufstehen kann. Oder zumindest nicht mehr so leicht und schnell, wie ich es früher konnte. Das liegt natürlich an den Umständen. Vor allem an den unbeweglichen Knien, die mir das Hüpfen, Rennen und Ausführen anderer schneller Manöver unmöglich machen. So starre ich am Flughafen auf der Rolltreppe nach unten nur wie gelähmt auf den riesigen Koffer, der von oben angerumpelt kommt, und nehme die gestikulierenden und schreienden jungen Männer ganz oben am anderen Ende der Rolltreppe wie hinter einer Glasscheibe und unwirklich verlangsamt wahr. Ich kann nicht die letzten paar Stufen hinabhüpfen und mein kleines Köfferchen mitreißen. Ich kann auch ohne das Köfferchen nicht rennen oder hüpfen. Kurz hoffe ich, dass ich es noch auf klassische Art von der Rolltreppe schaffe, bevor der Koffer … Aber da ist er mir schon von hinten in die Knie geknallt, und ich liege dumm mit dem Rücken darauf. Mein verdrehter Arm hält immer noch mein Köfferchen fest, das jetzt irgendwo ganz unten liegt. Dann ist die Rolltreppe zu Ende, und ich blockiere sie auf diesem verdammten Koffer liegend. Ich komme nicht mehr hoch. Von oben kommen junge Männer angerannt, aber sie kommen nicht an mir vorbei, über mich hinweg oder wie auch immer. Sie schaffen es nicht, mich aufzurichten, und ich liege wie ein Käfer auf dem Rücken. Selten habe ich mich so dumm und würdelos gefühlt. Plötzlich ziehen mich zwei junge Männer mit kräftigen Armen in einem Ruck hoch und nach vorne und stellen mich auf die Beine. Ich weiß nicht mal, wo sie herkamen. Mein Köfferchen hängt an meinem rechten Arm, von dem ich noch nicht weiß, ob er noch funktioniert. Die beiden jungen Männer fragen kurz, ob alles in Ordnung ist, und sind kurze Zeit später schon auf der Rolltreppe nach oben. „Danke!”, rufe ich ihnen vollkommen verdattert nach. „Vielen Dank!“ „Schon okay“, winken sie ab und sind weg. Jetzt sind auch die jungen Männer da, denen der große Koffer gehört. Sie entschuldigen sich, bleiben neben mir stehen und fragen, ob alles in Ordnung ist. Ich bewege meinen rechten Arm. Scheint zu funktionieren. Meine Knie zittern, aber sie scheinen sich zumindest nicht weniger zu bewegen als vor dem Hinfallen. „Ich habe kaputte Knie“, stammele ich und versuche, meine Unbeholfenheit auf der Rolltreppe zu erklären. Mein Herz pocht. Ich habe mich furchtbar erschrocken, aber es ist nichts Schlimmeres passiert. Uff! Die beiden jungen Männer, die mich innerhalb von Sekunden und ohne zu Zögern aus dieser misslichen Lage befreit haben, waren in etwa die, die Herrn Merz im deutschen Stadtbild stören: Schwarze Joggingklamotten, Kapuzenpulli, Migrationshintergrund. Diese Jungs haben mir geholfen. Danke!

Warten und lesen

Das erinnert mich daran, dass ich vor vielen Jahren, als ich noch in dem angesehenen Kölner Verlagshaus arbeitete, in dem seinerzeit Wallraffs Enthüllungen erschienen sind, an einem verregneten Tag kurzentschlossen nicht das Fahrrad zur Arbeit nahm – es regnete zu stark. Die Straßenbahn, ich weiß nicht mehr welche, war schon weg oder ich war zu spät dran. Ich lief also in Eile die Severinsstraße gen Süden, um am Chlodwigplatz alternativ einen Bus zu nehmen. Ich war für meine Verhältnisse schick angezogen, rutschte mit meinen glatten Lederschuhen aus und landete im nassen, dreckigen Rinnstein. Damals war ich noch mehr als zwanzig Jahre jünger, eines der Knie war zwar schon kaputt, aber es war doch noch in einem besseren und ich grundsätzlich in einem sportlicheren Zustand. Aber ich hatte mir die Hand aufgeschürft und lag da, und die anderen schicken Leute eilten im Regen an mir vorbei, ohne mich zu beachten. Der einzige Mensch, der sich mir näherte, mir die Hand reichte und mir beim Aufstehen half, war ein schlecht gekleideter älterer Herr mit einer Wollmütze auf dem Kopf. Er war unrasiert und sprach gebrochen Deutsch. Er fragte mich mehrfach, ob alles in Ordnung sei. Es hat mich sehr berührt und beschämt, denn Menschen wie ihn habe ich in meinem schicken Verlagsalltag sonst nicht im Stadtbild wahrgenommen. Das und ihn habe ich nie vergessen. Danke!

Zurück: Ganz unten die italienischen Alpen

All das hätte ich schon in einem Hirnwinkel abgelegt, wäre ich heute Morgen nicht schon wieder gefallen. Dieses Mal lag ich im Vorgarten auf dem Rücken und kam nicht mehr hoch. Das kam so:
Wir haben wieder einmal Baustellen und renovieren Wohnungen. Monsieur wollte unseren ehemaligen, sehr großen Badezimmerspiegel, der bei uns seit kurzem ausgedient hat, zu einer Miroiterie bringen. Der Spiegel hat zwar ein paar kleine abgesplitterte Stellen, ist aber ansonsten noch gut und vor allem von guter, schwerer Qualität. Dort sollen aus dem ungefähr drei Quadratmeter großen Spiegel zwei kleinere geschnitten werden, die fürderhin in den neu gemachten Badezimmern hängen sollen. Es ist eine Recycling-Variante, ob es kostengünstiger ist, als der Erwerb zweier neuer (weniger hochwertiger) Spiegel steht noch aus. Monsieur macht viel in seinem Kopf aus, ohne es vorab mit mir zu besprechen, und während ich mir gerade in der Küche die Haare föhne – wir haben zwar im Bad einen schönen neuen Spiegelschrank, aber aus Gründen derzeit keinen Strom (habe ich schon erwähnt, wie beglückend es ist, im Altbau zu wohnen?) – braucht er meine Hilfe. Und zwar jetzt sofort, denn er hat das Auto schon vor dem Haus geparkt. Wir wohnen an einer Durchgangsstraße. Es gibt offiziell keine Haltemöglichkeit. Man muss hier immer schnell sein, wenn man das Auto für eine Reise packt oder Einkäufe ausräumt. Ich lasse also den Föhn fallen, ziehe mir eilig Turnschuhe an und wir wuchten zu zweit die drei Quadratmeter große Spiegelwand durchs Treppenhaus. Ich gehe rückwärts, Treppenstufe für Treppenstufe, durch die Eingangshalle und den Vorgarten. Als ich einen weiteren Schritt mache, bringt mich ein weiches Hindernis aus dem Gleichgewicht. Ich falle rückwärts – immerhin ohne den Spiegel fallen zu lassen – in einen Pflanzenhaufen. Die Nachbarn von oben haben am Wochenende den Vorgarten genauso aufgeräumt wie ich unseren Innenhof. Vor allem haben sie zig der wuchernden, pieksenden Aloe-Vera-Pflanzen herausgerissen, aber auch vieles andere.

Mittelmeer und Himmel

Wir haben zwar einen Kompostbehälter, aber der ist momentan voll, die Pflanzen müssen noch einen Moment warten, bis sie dem Kompost zugeführt werden können und liegen so im Vorgarten herum. Weiß ich eigentlich, sieht man auch, zumindest wenn man vorwärts geht und nicht gleichzeitig einen riesigen Spiegel balanciert. Ich hab nicht dran gedacht, Monsieur hats nicht gesehen. Also liege ich mal wieder auf dem Rücken, dieses Mal in pieksenden Aloe Vera Pflanzen und halte tapfer den Spiegel fest, kann so aber nicht aufstehen.

Nein, niemand kommt dieses Mal, um mir aufzuhelfen, und Monsieur hält lieber den Spiegel fest. Ich muss es alleine machen, dazu stelle ich eine Spiegelecke vorsichtig in eine der ausgerissenen Aloe Vera Pflanzen, drehe mich zur Seite und bringe mich mühsam und gleichzeitig drehend zunächst vorsichtig auf die auf die Knie und von dort mit den Händen abstützend wieder in die aufrechte Lage (einem frühen Feldenkraiskurs sei Dank!). Funktioniert so ähnlich wie das Aufstehen von kleinen Kinder, sieht nur nicht so entzückend aus. Aber immerhin kann ich jetzt den Spiegel wieder aufnehmen und wir wuchten ihn gemeinsam ins Auto, während, wie so oft, der Bus hupend an uns vorbeirauscht und beinahe den Außenspiegel des Autos mitnimmt. Man lebt gefährlich in den engen kurvigen Straßen Südfrankreichs.

Blick auf die Küste ums Esterelgebirge

Voilà, so viel aus meinem Alltag. So kann ich immerhin meine Flugzeugaufnahmen vom letzten Flug nach Deutschland noch unterbringen.

Über Cannes
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12 von 12 im April 2026

12 Bilder am und vom 12. des Monats. Same same but different.

Der Blick aus dem Fenster. Das Wetter ist nicht besonders. April eben.

In der Küche steht noch das Geschirr, das Monsieur, wie jede Nacht, gespült hat. Nein, wir haben keinen Geschirrspüler. So lange Monsieur das Geschirr spült, brauche ich auch keinen. Da Geschirrspülen so ziemlich das einzige ist, was er verlässlich (und ohne Erinnerung) im Haushalt mittut, bin ich mit der Lösung zufrieden.

Frühstück. Heute mal Haferflocken mit Joghurt und Obst.

Ich nehme mich erneut dem Innenhof an, den ich seit gestern sauber mache. Ich habe gestern kein Vorher-Foto gemacht, ich hätte mich zu sehr geschämt. Der Innenhof ist nämlich auch Arbeitsatelier von Monsieur. Hier wird gesägt und gefräst und was weiß ich, und alle Reste bleiben einfach liegen. Wird schon irgendwann regnen und vielleicht wirds gnädig davongespült. Spoiler: wirds nicht. Ich mache also sauber und räume auf und werfe weg. Alte vertrocknete Pflanzen werden aussortiert, darunter eine große Ikeatüte voll verwurzeltem Farn, der mich schon jahrelang nervt, ich topfe tapfer die pieksende Kakteen in größere Töpfe um, werfe zig Plastiktöpfe weg und olle und/oder kaputte Übertöpfe. Es werden am Ende sechs Säcke mit Pflanzenresten!

Ich reiße den wilden Wein, der sich vom Park nebenan bis zu uns verwächst, von den Wänden. Er wächst leider nicht dort, wo er uns Sichtschutz gewähren würde. An den Wänden bleiben die kleinen Saugnapf-Wurzeln, sogenannte Haftwurzeln, kleben. Es ist fast unmöglich, sie zu entfernen. Man kann quasi gleich die Wände abreißen. Sie bleiben also dran und die Wände sehen aus, als seien sie mit großem Fliegendreck befleckt. Das scheint aber sowieso nur mich zu stören.

Dann schrubbe ich den Boden mehrfach, er wird nicht wie neu, aber doch wieder ziemlich hell. Nein, die Plastikmöbel sind noch nicht sauber, das ist etwas, was Monsieur auch noch ganz gern macht, also lasse ich das für ihn übrig. Und ja, ich weiß, diese Plastikmöbel … Sagen Sie nichts. Ich lebe seit fünfzehn Jahren damit und jedes Jahr will ich andere Möbel kaufen, aber es ist so ein gutes und langlebiges Plastik, das alle Jahreszeiten seit mehr als fünfzehn Jahren überdauert, ohne brüchig zu werden, worauf ich insgeheim hoffte, (ganz anders als die Plastikflaschen mit nicht mehr definierbarem Inhalt) so etwas findet man nicht wieder, hier sieht man die Notwendigkeit nicht ein. Praktisch geht hier ja sowieso vor Schön, aber das wissen Sie ja schon.

Dann trinke ich das erste Perrier Menthe der Saison, ein Zeichen für den Frühling! Schnelles Mittagessen, es gibt frische rohe Artischocken zum Entrée, ein Stück Onglet (langfaseriges Rindfleisch) und Nudeln, Camembert für Monsieur und frische Erdbeeren mit Sahne zum Dessert. Die ersten französischen Gariguette-Erdbeeren, sie sind reif und süß! Genial!

Nach der Sieste, schaut Monsieur das Tennisfinale in Monaco: Alcaraz gegen Sinner. Sinner gewinnt. Das wissen Sie schon, wenn Sie sich für Tennis interessieren.

Ich bleibe im Bett (draußen ist es stürmisch geworden) und lese. Hier alles, was ich seit Wochen angefangen habe.

Heute beende ich “Sie kam aus Mariupol” von Natascha Wodin – beeindruckend, aber was für eine Tristesse. Ich erinnere mich, dass hinter der Siedlung, in der ich als Kind mit meinen Eltern lebte, auch noch ärmliche Hütten existierten und wir die Menschen, die dort hausten, komisch fanden und immer schnell daran vorbeiliefen.

An Ostern habe ich auf einem Miniflohmarkt in Deutschland “Nirgendwo ist Poenichen” mitgenommen. Ich kenne die Bücher von Christine Brückner und die Verfilmung nicht – auch hier Krieg und Vertreibung, es ist weniger trist und trotzdem will ich jetzt etwas anderes lesen. Auch, weil ich dank der ZEIT, die die Mitgliederkartei der NSDAP aufbereitet und leicht zugänglich gemacht hat, wieder stark im Thema bin.

Ich beginne also mit Ildikó von Kürthys „Alt genug“, das ich mir in Deutschland extra gekauft habe, weil Frau von Kürthy die gehässige Kritik von Dennis Scheck, den ich wegen seiner Selbstgefälligkeit nicht ausstehen kann, nicht so stehen lassen wollte. Da wurde ich neugierig. Da ich ein großer Fan ihrer Kolumnen bin, erstand ich das Buch. Es ist jetzt nicht so lustig, wie ich hoffte. Und es fesselt mich auch nicht besonders. Das liegt vielleicht daran, dass ich schon älter bin als sie und mein Buch über meine Wunden, Glück und Älterwerden schon geschrieben habe. Elke Heidenreichs Buch übers Alter konnte ich seinerzeit auch nicht zu Ende lesen, obwohl es sehr dünn ist. Am meisten stört mich an Ildikó von Kürthys Buch die schlechte Papierqualität. Steht es so schlecht um den Papiermarkt? Das Papier ist grau, rau, dünn und fühlt sich nicht gut an. (Ich will jetzt nicht den hässlichen Satz von Dennis Scheck zitieren, nur um eine Pointe zu haben, aber das Papier ist wirklich minderwertig!) Als ich den „Bestsellerautorin“-Aufkleber abgeknubbelt habe, schlägt der Schutzumschlag an der Stelle Blasen. Herrje. Und nein, für dieses Papier kann Frau Kürthy natürlich nichts, aber ich finde es nicht sehr wertschätzend von ihrem Verlag, für den sie doch immerhin Bestsellerautorin ist!

Texte und Poesie von Hans Schiebelhuth habe ich im Zuge einer Seminararbeit an der Universität kennengelernt. Er stammte aus Darmstadt, und es war Liebe auf das erste Gedicht. Ich dachte, ich könnte seine beiden Bände aussortieren, denn seit über zwanzig Jahren habe ich nicht mehr in die leicht stockfleckigen Bände hineingeschaut. Aber dann habe ich mich wieder darin festgelesen und werde sie nun doch noch ein bisschen behalten.

Um 17 Uhr mache ich uns Tee. Da es so stürmisch und grau ist, bereite ich mir einen dieser herbstlichen Pumkin-Spice-Tees zu, während Monsieut einen grünen Tee mit einem dieser schönen Mousselin-Säckchen von Frère Mariages bekommt. Ein kleiner Tipp, vielleicht wussten Sie das noch nicht: Wenn man die etwas trockenen Madeleines ein paar Sekunden in der Mikrowelle aufwärmt, werden sie nicht nur warm, sondern auch weich und buttrig. Dann sind sie ein richtiger Genuss.

Zum Abendessen mache ich einen großen Topf Milchreis (mit Vanille und Zitronenschale), auch das so ein schönes tröstlich-wärmendes Abendessen bei diesem Wetter.

Im Fernsehen kommt Alliés, ein Spionagefilm mit Brad Pitt und Marion Cotillard, den wir noch nicht kennen. Auch hier sind wir wieder im Zweiten Weltkrieg. Die Geschichte ist gut, finde ich. Die Umsetzung gefällt mir allerdings nicht so gut. Ich finde, man merkt, dass vieles in Kulissen gedreht wurde. Was mich auch immer ärgert, ist, dass die Personen, die deutsche Soldaten oder Spione spielen, oft nur einen einzigen Satz zu sagen haben – und den sagen sie in miserablem Deutsch. Kann man bei dieser bestimmt teuren Produktion nicht wenigstens einen deutschen Schauspieler dafür engagieren? Oder wenigstens einen Deutschlehrer, der der Person diesen einen Satz richtig beibringt?

Das wars für heute. Danke fürs Schauen und Lesen. Jetzt ist es schon der 13. aber ich reihe mich trotzdem noch ein in die 12 von 12er bei Caro von “Draußen nur Kännchen”.

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Licht und Schatten

Heute findet fand in Frankreich der zweite Durchgang der Kommunalwahlen statt, der für manche Städte spannend wird wurde. Nizza zum Beispiel. Dort halten momentan viele den Atem an. Kann der seit 2008 amtierende, Macron-nahe Bürgermeister Christian Estrosi die Wahl noch einmal für sich entscheiden, obwohl er im ersten Durchgang klar hinter dem Herausforderer Eric Ciotti lag, der sich vor kurzem mit seiner eigenene Partei “Le meilleur est à venir” (dt: Das Beste kommt noch) der rechtsextremen Partei RN angenähert hat?

So. Ich habe heute so lange und mit vielen Unterbrechungen an diesem Text geschrieben, dass ich jetzt die Ergebnisse schon einbauen kann. Nein, Estrosi hat es nicht geschafft. Nizza hat einen rechtsextremen Bürgermeister. Eric Ciotti. Sie sehen mich erschüttert.

Nun, zwischen Estrosi und Ciotti gibt es schon immer eine Rivalität in dieser Ecke Südostfrankreichs. Beide gehörten zunächst der gleichen konservativen Partei an, die heute LR Les Républicains heißt und fast unsichtbar geworden ist. Estrosi ist vor ein paar Jahren ins eine Zeitlang aufstrebende Macron-Lager gewechselt. Vor kurzem hat Ciotti seinerseits gewechselt, und zwar ins extrem rechte Lager. Eigentlich hat Estrosi in den vergangenen Jahren nichts falsch gemacht: Er hat ein gut genutztes Straßenbahnnetz geschaffen, mit dem man sogar bis zum Flughafen fahren kann, und eine wunderschöne und großzügige Grünanlage namens „Coulée verte”, die sehr gut angenommen wurde. Warum also wurde es trotzdem Ciotti?

Weil Nizza, wie so viele andere Städte hier im Süden, einfach sehr konservativ ist. Macrons Politik, insbesondere die Innenpolitik, ist hier nicht genehm. Estrosi hatte aufs falsche Pferd gesetzt.

Im CCFA Centre Culturel Franco-Allemand fragt man sich, wie man als kulturelle Institution zukünftig mit einem rechtsextremen Bürgermeister zusammenarbeiten will. Ich muss dabei an den gerade angelaufenen Film „Les Rayons et les Ombres” (der Titel verweist auf ein Buch von Victor Hugo, das im Film Erwähnung findet) denken. Wir haben ihn vor einer Woche in einer Vorpremiere gesehen, aber er ist jetzt offiziell angelaufen. Er zeigt am Beispiel des Journalisten Jean Luchaire (gespielt von Jean Dujardin) und seiner Tochter Corinne, einer jungen Schauspielerin (Nastya Golubeva), die Kollaboration der Franzosen mit den Nationalsozialisten.

Luchaire war nach dem Ersten Weltkrieg Pazifist und setzte sich für die deutsch-französische Freundschaft ein. Sein deutscher Gegenpart und bester Freund ist Otto Abetz (gespielt von August Diehl). Doch dann kommen die Nationalsozialisten an die Macht und bedienen sich ihrer, um eine Zusammenarbeit (collaboration) der Franzosen mit den Deutschen zu propagieren. Es beginnt scheinbar harmlos, und vor allem Luchaire glaubt lange, intelligenter zu sein und nur so ein bisschen mitzuspielen, ohne wirklich mitzuspielen, gerade so viel, wie es eben sein muss, um seinerseits vom System zu profitieren. Luchaire ist ein sympathischer Mensch, der allerdings stets über seine Verhältnisse lebt und Geld benötigt, um seine Zeitung zu finanzieren, seine Angestellten zu bezahlen und sich und seiner Tochter ein schönes Leben zu ermöglichen. Dafür macht er mehr und mehr Zugeständnisse und rutscht so immer weiter in den Sumpf der Kollaboration hinein.

Der Film dauert drei Stunden und ist ein historisches Zeitgemälde, das von der Zwischenkriegszeit bis 1948 reicht. Am Ende des Films ist die Stimmung im Publikum gedrückt. In ihrem historischen Gedächtnis waren die Franzosen stets alle in der Résistance. Die Kollaborateure, das waren immer die anderen, natürlich irgendwelche Drecksäcke, denen man am Ende der Besatzungszeit zu Recht einen kurzen Prozess gemacht hat. Luchaire und seine Tochter entsprechen jedoch nicht diesem Bild.

„Wir haben das alles nicht gewusst“ ist auch ein in Frankreich häufig geäußerter Satz, wenn es um das Schicksal der Juden in dieser Zeit geht. Das sagt auch die junge Corinne Luchaire, als sie ihren ersten Regisseur nach dem Krieg wiedersieht. Der ist ein ukrainischer Jude, der seine Familie im KZ verloren hat. „Hast du versucht, es wissen zu wollen?”, fragt der Regisseur zurück.

Beim Rausgehen spricht niemand, ich auch nicht, denn ich möchte gerade mal wieder nicht als Deutsche erkannt werden.

Ein absolut sehenswerter Film!

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